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Erich Mühsam/Staatsräson/erster Akt

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4. Mai 1920.
Amtszimmer des Staatsanwalts Frederic G. Katzmann im Gerichtsgebäude zu Dedham. Staatsanwalt Katzmann. Eine Stenotypistin.


KATZMANN diktiert. – – erscheint es bei der außerordentlich hohen Zahl von Kleinautos des gleichen Typs leider kaum aussichtsvoll – haben Sie aussichtsvoll?

STENOTYPISTIN. – leider kaum aussichtsvoll –

KATZMANN. – bei noch so sorgfältiger Kontrolle gerade den Wagen zu ermitteln, welcher den Verbrechern am 15. April zur Verfügung stand. Da die Aussagen der Tatzeugen einander wie gewöhnlich, wenn es sich um plötzliche und erschreckende Ereignisse handelt – halt, Fräulein, wir wollen das anders fassen. Streichen Sie das letzte durch.

STENOTYPISTIN. Von »da die Aussagen« ab?

KATZMANN. Ja. Gouverneur Fuller verlangt Berichte, die ihm die Anordnung eigener Untersuchungen ermöglichen. Wir müssen klarstellen, warum die Augenzeugen gar nichts Genaues wissen können. Also zunächst einmal die ganze Situation. Diktiert. Nach den Berichten der Polizei fand der Überfall um drei Uhr fünf Minuten nachmittags auf der Pearl Street statt, gegenüber dem vierstöckigen Gebäude der Schuhfabrik Rice und Hutchins, dessen Fenster aus undurchsichtigem Glase sind und ohne Ausnahme geschlossen waren. Haben Sie?

STENOTYPISTIN. Ohne Ausnahme geschlossen waren.

KATZMANN. Erst nachdem die Schüsse gefallen waren, wurden die Fenster aufgerissen. Im selben Augenblick, als die Erschießung des Kassierers Parmenter und des Wächters Berardelli erfolgte, fuhr das Auto heran, die Täter warfen die Pakete mit den Lohngeldern hinein, sprangen auf und fuhren mit den Insassen des Wagens in schärfstem Tempo davon. Der Vorfall spielte sich in wenigen Sekunden ab, so daß mit den Aussagen der Zeugen so gut wie nichts anzufangen ist. Die Schuhfabrik Slater und Morill, deren Angestellte die Ermordeten waren, liegt vom Tatort weiter weg; ihre Arbeiter und diejenigen, die in der Nähe Straßenarbeiten verrichteten, haben den Überfall bemerkt, ebenso die Passagiere des Zuges, der kurz vor dem Abfeuern der Schüsse von Brockton angekommen war. Das Zusammenlaufen so vieler Personen, wenn alles vorbei ist, ihr aufgeregtes Erzählen, Fragen, Vermuten und Zusammenreimen, das jeder Kriminalist kennt, verwirrt aber die Beweiserhebung bloß, so daß eine klare Beschreibung des Geschehenen und vor allem der Beteiligten von diesen Kleinstädtern überhaupt nicht erzielt werden konnte. – Erzielt werden konnte. Pause. Immerhin behaupten etwa dreißig Zeugen – wie viele waren es? Haben Sie die genaue Zahl?

STENOTYPISTIN blättert im Akt. Fünfunddreißig, Mr. Katzmann.

KATZMANN. – behaupten fünfunddreißig Zeugen, die Mörder gesehen zu haben und beschreiben zu können. Aus ihren Aussagen kann aber höchstens gefolgert werden, daß der Mann neben dem Chauffeur ein blonder, schmächtiger Mensch war, wie neuerdings mit Bestimmtheit ein Portier Michael Levangie erklärt. Allerdings hat dieser Zeuge unmittelbar nach der Schießerei angegeben, er habe die Banditen selbst gar nicht zu sehen bekommen. Eine Zeugin behauptet, der Begleiter des Chauffeurs habe während des Haltens sich die Zeit genommen, eine Reparatur unter dem Auto auszuführen. Dies ist indessen wenig glaubhaft. – So. Machen Sie hier einen Absatz, Fräulein.

STENOTYPISTIN. Bitte.

KATZMANN. Zusammenfassend muß ich feststellen, daß, sollte sich der Verdacht der Polizei in New Bredford nicht bestätigen, daß die Raubmörder mit der berüchtigten Morellibande identisch sein könnten, nach dem bisherigen Ergebnis der Untersuchung die Befürchtung berechtigt scheint, die Tat am 15. April in South Braintree werde ebenso unaufgeklärt bleiben wie die am 24. Dezember 1919 in Bridgewater und die ähnlichen Verbrechen, die unsere Gegend seit längerer Zeit beunruhigen. Ich erbitte daher direkten Befehl des Gouverneurs von Massachusetts, ob die meines Erachtens wertlosen Nachforschungen nach dem Buick-Auto fortgesetzt werden sollen oder ob nicht lieber – Es klopft.

EIN POLIZEIKOMMISSAR tritt ein. Ich habe dem Staatsanwalt Katzmann zu melden: in der Garage eines gewissen Simon Johnson in Brockton steht ein kleines Buick-Auto zur Reparatur.

KATZMANN. Und? Haben Sie einen Anhaltspunkt, daß es das gesuchte sein könnte?

KOMMISSAR. Das nicht. Aber das Auto gehört einem Italiener Boda, der bei einem anderen Italiener wohnt, einem gewissen Coacci –

KATZMANN. Na, weiter – ist das ein Räuber oder Mörder?

POLIZEIKOMMISSAR. Nein – aber Coacci ist einer von den Radikalen –

KATZMANN plötzlich interessiert. Ah – das wäre eine Fährte! – Erzählen Sie!

KOMMISSAR. Wir hatten Anweisung, Coacci aus dem Staate Massachusetts abzuschieben. Gestern ging ich zu ihm, um nachzusehen, ob er Anstalten zur Abreise trifft. Ich fand ihn beim Kofferpacken. Inzwischen erfuhren wir, daß das Auto bei Johnson seinem Zimmermieter Boda gehört, und ich wurde beauftragt, seine Koffer zu beschlagnahmen. Sie sind schon durchsucht worden.

KATZMANN aufgeregt. War die Beute drin?

KOMMISSAR. Nein, gar nichts Verdächtiges, nur Bücher, Kleidung, Hausrat und ähnliches.

KATZMANN. Dann ist doch, zum Teufel, das Ganze umsonst. Nach kurzer Überlegung. Halt! Es macht nichts. Man muß diesen Radikalen auf die Finger sehen. Veranlassen Sie den Garagenbesitzer, wenn das Auto abgeholt wird, sofort die Polizei zu benachrichtigen, und falls es sich um politisch verdächtige Ausländer handelt – ohne weiteres verhaften. Verstanden?

KOMMISSAR. Sehr wohl, Staatsanwalt Katzmann. Ab.

KATZMANN. Wir wollen den Bericht abbrechen. Bitten Sie Richter Thayer herüber. Er ist doch im Hause?

STENOTYPISTIN. Ich sah ihn in sein Büro gehen. Ab.


Katzmann allein, geht auf und ab, blättert in Aktenbündeln, pfeift einen Gassenhauer. Richter Webster Thayer tritt ein.


THAYER. Sie haben mich rufen lassen, Staatsanwalt? Haben Sie etwas Neues in der Affäre von South Braintree?

KATZMANN. Vielleicht. Nehmen Sie Platz. Sie wissen, daß Generalstaatsanwalt Palmer immer noch daran festhält, daß das Kleinauto ermittelt werden müsse – bei den Tausenden von Buick-Wagen, die hier durchfahren, natürlich ein ganz müßiges Beginnen, den richtigen feststellen zu wollen, der wahrscheinlich längst im Westen oder außerhalb der Staaten ist.

THAYER. Und welche Methode wollten Sie einschlagen?

KATZMANN. Warten Sie. Ich war eben dabei, einen Bericht an Gouverneur Fuller nach Boston zu diktieren, um ihm begreiflich zu machen, daß die Suche nach den Mördern der Pearl Street doch so gut wie aussichtslos geworden ist, daß wir aber bei der Häufung solcher Verbrechen bestimmt mit weiteren Überfällen in der nächsten Zeit rechnen können und dann eben schneller handeln und besser gerüstet sein müssen. Haben wir erst einmal ein paar Banditen, dann können wir jedenfalls dadurch auch ältere Spuren auffinden.

THAYER. Ganz recht. Und nun?

KATZMANN. Ich habe den Bericht in der Mitte abgebrochen. Der Zufall meint es gut mit Mr. Palmer. Wir haben Aussicht, ein Auto dingfest zu machen, das als Corpus delicti unbezahlbar sein kann.

THAYER. Das gesuchte Buick-Auto?

KATZMANN lacht. Wenn es das nicht von selber ist, können wir es vielleicht dazu machen.

THAYER. Ich verstehe noch nicht.

KATZMANN. Das Auto ist in einer Reparaturwerkstatt in Brockton und gehört einem Italiener, der mit radikalen Elementen Verbindung halten soll.

THAYER. Aha!

KATZMANN. Ich habe angeordnet, daß man sich die Kerle, die die Karre abholen wollen, genau ansieht, und sind's Anarchisten oder was Ähnliches – huit! ins Loch.

THAYER. Donnerwetter! Ausgezeichnet! Haben Sie etwa bestimmte Anhaltspunkte, durch die Sie Zusammenhänge zwischen den Räubern und den Revolutionären begründen könnten?

KATZMANN. Wenn wir Glück haben, werden wir sie finden. Einem ausgewiesenen Anarchisten Coacci, dem Zimmerwirt des Autobesitzers Boda, hat die Polizei schon die Koffer weggeholt. Man hat zwar nichts drin gefunden – aber einen Verdacht auf so saubere Kumpane läßt man doch nicht gutwillig wieder aus den Fingern.

THAYER. Famos, ganz famos, Mr. Katzmann. Es trifft sich hervorragend gut. Palmer ist voll Wut über die Kerle, besonders über die Italiener. Da hatten sie in New York zwei Burschen eingelocht, die Demonstrationen oder Streiks organisiert haben sollten, einen Andrea Salsedo und einen gewissen Elia, und weil sie das Maul nicht auftun wollten, um ihre lieben anarchistischen Komplizen zu nennen, hat man sie nach dem dritten Grade behandelt. Fingerknacken et cetera. Da muß wohl was durchgetropft sein, und die Anarchisten grade hier in Massachusetts sollen sich besonders lebhaft ihrer Kumpane angenommen haben. Kurz – gestern ist nun einer der Halunken, der Salsedo, vom 14. Stock des Staatsgefängnisses aus dem Fenster gepurzelt.

KATZMANN. – worden oder selbsttätig?

THAYER. Wird wohl auf eins herauskommen. Jedenfalls mausetot, und in der Mitteilung heißt es, wir sollen ein wachsames Auge auf die Anarchisten des Bezirks haben, von denen die Inszenierung eines großen Protestrummels erwartet wird. Haben Sie das polizeiliche Verzeichnis der verdächtigen Radikalen da?

KATZMANN. Natürlich. Blättert einen Akt auf. Sind Ihnen bestimmte Namen genannt worden?

THAYER. Nur einer – warten Sie, ich hab ihn mir notiert. Sucht im Notizbuch. Richtig – Bartolomeo Vanzetti. Der Kerl war extra in New York und hat für Salsedo und Elia einen Anwalt bestellt.

KATZMANN. Vanzetti – hier: Hält in Plymouth auf einem Karren Fische feil. Gefährlicher Anarchist, Kriegsdienstverweigerer, sehr belesen, schreibt selbst Beiträge für italienische revolutionäre Zeitungen und tritt in Versammlungen als Redner auf. War in mehreren Streikaktionen neben seinem Freunde Nicola Sacco, Schuhe-Zuschneider in Stoughton, als Organisator und Propagandist tätig.

THAYER. Eine wohlriechende Gesellschaft. Wenn man diese Brut tatsächlich in der Mordsache kompromittieren könnte, das wäre ein verdammt harter Schlag gegen ihre Bewegung.

KATZMANN. Ich wäre glücklich, zugleich dem Staat durch die Vernichtung dieser gefährlichen Elemente nützen und meinen armen Freud Parmenter rächen zu können.

THAYER. Sie haben dem ermordeten Parmenter persönlich nahegestanden?

KATZMANN. Er war Mitglied derselben Freimaurerloge, der ich aktiv angehöre. Ich sage Ihnen, wenn die Verbrecher unsere Logenbrüder zu Geschworenen bekommen, dann wird ihre Hetze nicht mehr lange die Geschäfte der amerikanischen Bürger stören.

THAYER. Tun Sie, was möglich ist, Staatsanwalt. Können Sie eine Beziehung der Anarchisten zu dem Raubmord am 15. April oder andern Verbrechen mit Hilfe des Autos jenes ehrenwerten Boda glaubhaft machen, so werden Sie der Autorität des Staates einen unschätzbaren Dienst erweisen.

KATZMANN. Verlassen Sie sich auf mich, wir werden die Wahrheit zu ermitteln wissen.

THAYER. Man muß versuchen, ihr nötigenfalls auf die Füße zu helfen. Es gibt eine Wahrheit, die mehr wert ist als ein objektiver Tatsachenbericht. Es ist die Wahrheit, die die Staatsräson erheischt.

KATZMANN. Auf diese höhere Wahrheit gründet sich das Recht des Staates.

THAYER. Wir müssen es schaffen. Der Staat über alles!


Vorhang.


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