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Erich Mühsam/Staatsräson/siebter Akt

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18. November 1925.

Gefängniszelle zu Dedham.

Sacco stehend, Vanzetti auf der Pritsche liegend.


VANZETTI. Verdammt! Diese Müdigkeit in allen Gliedern – immer noch.

SACCO. Es ist doch schon ein halbes Jahr her, seit sie dich gesund erklärt haben.

VANZETTI. Gesund! Fünfeinhalb Jahre in den Fingern der amerikanischen Gerechtigkeit ist eine schöne Genesungskur!

SACCO. Und über vier davon den geladenen Stuhl sozusagen unter dem Hintern.

VANZETTI. Ich sage dir, sie haben mir in Charlestown einen kleinen Vorgeschmack eingeflößt von den Wohltaten des Instrumentes.

SACCO. Es war gemein, dich dorthin zu bringen.

VANZETTI. Was haben sie in diesen Jahren nicht schon alles ausgeheckt, um uns ihre Macht fühlen zu lassen.

SACCO. Erst war ihnen bei mir der Versuch mißlungen, mich als Irrsinnigen zu entwerten, da probierten sie es bei dir noch einmal.

VANZETTI. Sie fingen es ganz gescheit an. Es hätte nicht viel gefehlt, und sie hätten mich wahnsinnig gehabt. Eine raffinierte Marter: direkt neben den Maschinenraum, in dem am elektrischen Stuhl herumexperimentiert wird, quartierten sie mich ein – Monate und Monate mußte ich das Rattern und Ticken anhören, das heute oder morgen oder übers Jahr meine eigne Grabmusik sein soll. Die Technik des gesetzlichen Mordens habe ich eingehend studieren können.

SACCO. Sie lehren uns, wie man wehrlose Klassengegner behandelt, wenn man sie in der Gewalt hat. Das Proletariat sollte es sich merken für den Tag des Umschwungs.

VANZETTI. Wir Proletarier brächten soviel Roheit gar nicht auf. Ich preßte mich an das Zellengitter und horchte – ich konnte nicht anders. Und in den stillen dunklen Nächten hörte ich die armen Menschen ächzen, für die man den Stuhl präparierte.

SACCO. Sahst du sie auch manchmal?

VANZETTI. Nein, mit Augen sah ich keinen von ihnen. Aber mit meiner Phantasie sah ich sie alle. Mit den Ohren sah ich sie, die das Geräusch der Maschine auffingen – Tag und Nacht.

SACCO. Gab es denn nie Ruhe?

VANZETTI. Drei Wochen, ehe ein Mensch vom Staat ermordet wird, prüft der Ingenieur die Apparate, um zu wissen, daß alles in Ordnung ist. Eines Abends war es furchtbar. Die Wochen des Experimentierens waren vorüber, und der Verurteilte sollte sterben. Es wurde zwölf Uhr nachts. Die Leute im Maschinenraum wurden still. Mit einem Male hörten wir einen deutlichen Knall, wie eine schwache Explosion, und das Licht im Korridor leuchtete blau auf. Dann sagte eine heisere Stimme: »Der Kreislauf ist vollendet, ein armer Teufel ist zur Hölle gegangen.«

SACCO. Du, das ist scheußlich.

VANZETTI. Ich bat und bat, man solle mich aus dem verfluchten Gefängnisflügel wegbringen. Man tat es nicht. Ich dachte, ich müßte verrückt werden, und das wollten ja die Quälgeister. Als sie meinten, jetzt wäre es soweit, kam ein Wärter zu mir und kommandierte: Zieh deinen Rock an! – Ohne weitere Erklärung brachte man mich ins Irrenhaus.

SACCO. Wie lange mußtest du da bleiben?

VANZETTI. Vier Monate, vom 26. Dezember 1924 bis zum 23. April 1925. Aber die Qualen des Jahres in Charlestown – erst im Fegefeuer neben dem elektrischen Stuhl, dann in der Narrenhölle, die spüre ich noch heute.

SACCO. Hast du arbeiten können in Charlestown?

VANZETTI. Ich schrieb wohl einiges, es ist nichts von Bedeutung. Jetzt hier geht es damit etwas leichter. Paß auf, Sacco, ich habe kürzlich ein Gedicht geschrieben. Willst du es hören?

SACCO. Ja, natürlich, lies es gleich vor!

VANZETTI. Es heißt Vision.


Wir tragen Ketten an den Füßen
und büßen.
Wir leiden in schmutzigen dunkeln Verließen
und büßen.
Doch ihr, ihr draußen –
ihr sprengt unsre Ketten, ihr holt uns hervor.
Auf springt des gähnenden Kerkers Tor
und wir hören den Schrei, den alleinen Schrei:
Die Welt ist frei – ist frei – ist frei!


SACCO. Das ist sehr schön. Schreib es mir auf. Dante soll es lernen. Wenn Rosa heute mit den Kindern kommt, gebe ich es ihm.

VANZETTI. Ja, du hast deine Menschen hier – ich muß mich mit meiner Muse unterhalten.

SACCO. Sei nicht ungerecht, Vanzetti. Die Kameraden lassen dich auch nicht im Stich.

VANZETTI. Das ist wahr. Aber, ehrlich gesprochen, ich beneide dich um die Zärtlichkeiten, die du empfängst.

SACCO. Dafür beneide ich dich um dein Wissen, deine Begabung, dein geistiges Leben.

VANZETTI. Also sind wir beide neidisch und haben gar keinen Grund. Wir tauschen ja aus, was wir haben, Freund. Deine Kinder umarmen auch mich, und du lernst mit mir aus den Büchern der Philosophen, der Dichter, der revolutionären Lehrer.

SACCO. Und unsre englischen Sprachstudien erleichtern uns die Lektüre der amerikanischen Zeitungen.

VANZETTI. Und der Eingaben unserer Verteidiger. Sonst wären wir mit der Beschwerdeschrift vom 21. Juli bis jetzt noch nicht durch.

SACCO. Es fragt sich, wann der Oberste Gerichtshof mit der Lektüre fertig sein wird. Es ist ein dicker Band.

VANZETTI. Ich habe verteufelt wenig Zutrauen, daß wir mit dem Wälzer mehr Glück haben werden als mit allen früheren Eingaben und Anträgen.

SACCO. Thompsons große Hoffnung ist für den äußersten Fall der Gouverneur Fuller.

VANZETTI. Wir haben nur eine Hoffnung: das Proletariat.

SACCO. Richtig. Weißt du, wie es auch schließlich ausgehen mag, wir werden, wenn es sein muß, den Stuhl mit dem Bewußtsein besteigen, daß die Arbeiter der ganzen Welt sich gefunden haben zum Protest gegen unsere Mißhandlung.

VANZETTI. Es ist erhebend und wird uns die Kraft geben, uns wie Männer zu verhalten.

SACCO. Ja, Vanzetti, wir werden wie gute Kommunarden in der Schlacht bis zum Ende stehen bleiben und unseren Feinden ins Gesicht sehen. Und bis zum letzten Atemzuge werden wir es den Genossen sagen, daß wir zu ihnen Vertrauen haben und zur Solidarität der Arbeiter der ganzen Welt.

VANZETTI. Opfer müssen fallen und werden immer fallen. Unser Tod wird nur eine Episode sein in dem ewigen Krieg zwischen den Kräften der Tyrannei und der Freiheit. Zwei Kämpfer mehr, die fallen – was will das bedeuten? Es fallen so viele – nur die Idee kann nicht fallen.

SACCO. Hier die Sache des Rechtes und der Zukunft, dort die Staatsräson. Was wird stärker sein?


Ein Sträfling tritt ein.


STRÄFLING füllt die Wasserkrüge, holt unter der Schürze eine Zeitschrift vor, übergibt sie hastig Sacco. Da, rasch, nimm! Der Portugiese vom andern Flügel schickt es dir. Du sollst es sorgfältig durchsehen.

SACCO. Der Portugiese? Grüße ihn und Dank – dir auch, Kamerad.


Sträfling ab.


SACCO. Eine portugiesische Zeitschrift – merkwürdig.

VANZETTI. Wie kommt er dazu – glaubt er, du verstehst seine Sprache?

SACCO. Wir wollen sehen – vielleicht ist ein Kassiber drin.


Blättert.


VANZETTI. Halt, da fällt ein Zettel heraus.

SACCO hebt ihn auf, liest. Wie?! – Vanzetti!! – Aber das ist ja nicht möglich! – Vanzetti! – Bruder!

VANZETTI. Was regt dich denn so auf? Was ist denn? So lies doch vor!

SACCO. Höre, höre!

Liest vor. Ich bekenne hiermit, daß ich an den Verbrechen von South Braintree beteiligt gewesen bin. Sacco und Vanzetti sind nicht dabeigewesen.

Celestino Madeiros.

VANZETTI springt auf. Ein Lichtstrahl! Nicola! Umarmt Sacco.

SACCO. Rosa! Meine Kinder!

VANZETTI. Ruhe, Freund, wir müssen überlegen. Was wirst du tun?

SACCO. Thompson muß sofort benachrichtigt werden und vor allem das Verteidigungskomitee.

VANZETTI. Schreibe du dem Anwalt, ich schreibe Musmanno.

SACCO. Glaubst du, Bartolomeo? – Glaubst du, daß es unsere Rettung sein kann?

VANZETTI. Es ist der überführende Beweis unserer Unschuld. – Aber – vergessen wir nicht die Staatsräson!


Vorhang.


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