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Pierre Joseph Proudhon (* 15. Januar 1809 in Besançon, Frankreich; † 19. Januar 1865 in Passy bei Paris) war ein wichtiger Vertreter des Solidarischen Anarchismus, der Begründer des Mutualismus und des Föderalismus, sowie einer der wichtigsten Begründer der anarchistischen Traditionen in Europa.




"Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft"

Proudhon kam aus kleinbürgerlichen Verhältnissen. Für ihn bedeute Anarchie nicht Unordnung, sondern Ordnung in Freiheit. Von ihm ist auch die Parole "Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft" abgeleitet. Er fasste die Wissenschaft der Politik stets als die Wissenschaft der Freiheit auf. "Die Politik ist die Wissenschaft von der Freiheit: die Beherrschung des Menschen durch den Menschen, gleichviel hinter welchem Namen sie sich verbergen mag, ist Unterdrückung, die höchste Vollkommenheit der Gesellschaft findet sich in der Vereinigung von Ordnung und Anarchie." Seinem anarchistischem Selbstverständnis widersprach jede Art von autoritärem Sozialismus bzw. Staatssozialismus. Proudhons Schriften beeinflussten zahlreiche Intellektuelle der Zeit, vor allem aber die entstehende Gewerkschaftsbewegung in Frankreich (siehe auch: Anarcho-Syndikalismus), die lange anarchistisch orientiert blieb. So ist sein Einfluß z.B auch in den Werken von Michail Bakunin, Silvio Gesell (siehe auch Bayerische Räterepublik) und Peter Kropotkin wieder zu finden. Bis heute sind viele seiner Werke noch nicht ins Deutsche übersetzt.

"Eigentum ist Diebstahl"

In seiner 1840 veröffentlichten Schrift "Qu'est-ce que la propriété?" ("Was ist Eigentum?") kommt er zu dem Schluss: Eigentum ist Diebstahl. (Gemeint ist Privateigentum.) Man dürfe außer den persönlichen Arbeitsmitteln lediglich diejenigen Güter besitzen, die man durch eigene oder kollektive Arbeit hergestellt oder im Tausch dagegen erworben hat. Erbschaft oder Ausbeutung der Arbeitskraft anderer gehöre unterbunden, um die Kapitalanhäufung und die daraus resultierende Machtkonzentration zu verhindern. Die Gesellschaft soll sich auf dem freiwilligen Zusammenschluss dezentral organisierter, überschaubarer Einheiten ("fédéralisme"), also einem herrschaftsfreien System ("Anarchie") ohne Staat und großen Institutionen wie beispielsweise der Kirche, gründen.
Marx: Proudhon habe das Privateigentum "der ersten entschiedenen, rücksichtslosen und zugleich wissenschaftlichen Prüfung unterzogen" und damit die Voraussetzung geschaffen für eine "Wissenschaft der Nationalökonomie".

Proudhon und Marx

Bekannt geworden ist auch die Auseinandersetzung mit seinem Schüler Karl Marx, mit dem er zunächst befreundet war. Er schrieb an Marx am 5. Mai 1846: "Lassen Sie uns gemeinsam, wenn Sie es wünschen, die Gesetze der Gesellschaft ergründen, die Art und Weise, wie diese Gesetze sich durchsetzen, die Methode, mit der wir sie entdecken können; aber nachdem wir alle Dogmen zertrümmert haben, lassen Sie uns um Gottes Willen nicht dazu verleiten, die Menschen unsererseits zu indoktrinieren; lassen Sie uns nicht den gleichen Fehler begehen, wie Ihr Landsmann Martin Luther, der, nachdem er die katholische Theologie stürzte, an deren Stelle eine protestantische Theologie mit Exkommunikation und Bannfluch setzte. Die letzten drei Jahrhunderte war Deutschland hauptsächlich damit beschäftigt, Luthers Pfuscherei rückgängig zu machen; lassen Sie uns nicht die Menschheit mit einer ähnlichen Sauerei zurücklassen. Ich appelliere an Sie aus vollem Herzen, alle Ihre Ansichten auszusprechen; lassen Sie uns kollegial streiten und der Welt ein Beispiel unserer erlernten und weitsichtigen Toleranz geben. Lassen Sie uns nicht, weil wir an der Spitze einer Bewegung sind, zu den Führern eitler neuer Intoleranz machen und nicht als Apostel einer neuen Religion auftreten, selbst wenn diese Religion die Religion der Logik, die Religion der Vernunft wäre. Lassen Sie uns alle Einwände annehmen und ermutigen, und jede Ausschließlichkeit, jede Mystik entmutigen. Lassen Sie uns niemals eine Frage als veraltet betrachten, und wenn uns die Argumente ausgehen, lassen Sie uns nötigenfalls von vorne beginnen – mit Eloquenz und Ironie. Unter dieser Bedingung werde ich gerne ihrem Verein beitreten. Ansonsten – nein!"


siehe auch: Takis Fotopoulos

Kritik an Proudhon

Viele Kritiker werfen ihm vor, er hätte eine anti-emanzipatorische Vorstellung zur Rolle der Frau und vertrete antisemitische Anschauungen. Leider vergessen diese selbsternannten Kritiker dabei häufig die Zeit und das historische Umfeld, in dem Proudhon Anfang des 19. Jahrhunderts lebte. Vieles, was uns heute anrüchig erscheint, gehörte zur damaligen Zeit zu einem allgemeinem Weltbild. Die Leistungen, die Proudhon trotz seiner kleinbürgerlichen Herkunft erbracht hat, die autodidaktischen Fähigkeiten, die er sich durch sein Selbststudium angeeignet hat und die große Anzahl an Werken, die er hinterlassen hat, lassen viele Wissenschaftler seiner Zeit in den Schatten treten und die Vorwürfe gegen ihn fast schon haarspalterisch erscheinen.

Losungen (Sprüche) von Proudhon

  • "Freiheit in Gleichheit"
  • "Anarchie ist Ordnung ohne Herrschaft"
  • "Lassen Sie uns nicht zu den Führern eitler neuer Intoleranz machen und nicht als Apostel einer neuen Religion auftreten."
  • "Eigentum ist Diebstahl"
  • "Selbstbefreiung der Massen"
  • "Selbstorganisation der Gesellschaft von unten nach oben"
  • "Selbstverwirklichung des Individuums"
  • "Die Politik ist die Wissenschaft von der Freiheit: die Beherrschung des Menschen durch den Menschen, gleichviel hinter welchem Namen sie sich verbergen mag, ist Unterdrückung, die höchste Vollkommenheit der Gesellschaft findet sich in der Vereinigung von Ordnung und Anarchie."
  • "Parteien sind zum schlafen da -
    und zum schrecklichen erwachen"
  • "Seid realistisch, fordert das Unmögliche!"
  • "Die Ãœbertreibung ist der Anfang der Erfindung"
  • "Verteilt die Macht, damit sie keinen mächtig macht!"


  • "Regiert sein, das heißt unter polizeilicher Ãœberwachung stehen, inspiziert, spioniert, dirigiert, mit Gesetzen überschüttet, reglementiert, eingefpercht, belehrt, bepredigt, kontrolliert, eingeschätzt, abgeschätzt, zensiert, kommandiert zu werden durch Leute, die weder das Recht, noch das WISSEN, noch die Kraft dazu haben...

    Regiert sein heißt, bei jeder Handlung, bei jedem Geschäft, bei jeder Bewegung versteuert, patentiert, notiert, registriert, erfasst, taxiert, gestempelt, vermessen, bewertet, lizensiert, autorisiert, befürwortet, ermahnt, behindert, reformiert, ausgerichtet, bestraft zu werden.

    Es heißt, unter dem Vorwand der Öffentlichen Nützlichkeit und im Namen des Allgemeininteresses ausgenutzt, verwaltet, geprellt, ausgebeutet, monopolisiert, hintergangen, ausgepresst, getäuscht, bestohlen zu werden; schließlich bei dem geringsten Widerstand, beim ersten Wort der Klage unterdrückt, bestraft, heruntergemacht, beleidigt, verfolgt, mißhandelt, zu Boden geschlagen, entwaffnet, geknebelt, eingesperrt, füsiliert, beschossen, verurteilt, verdammt, deportiert, geopfert, verkauft, verraten und obendrein verhöhnt, gehänselt, beschimpft und entehrt zu werden.

    Das ist die Regierung, das ist ihre Gerechtigkeit, das ist ihre Moral."



Werke

  • Was ist das Eigentum? (1840)
  • Ãœber die Kreation der Ordnung in der Menschheit oder Prinzipien politischer Organisation (1843)
  • System der ökonomischen Widersprüche oder Philosophie des Elends (1846)
  • Bekenntnisse eines Revolutionärs (1849)
  • Die allgemeine Idee der Revolution im 19. Jahrhundert (18 51)
  • Die soziale Revolution, dargestellt am Staatsstreich vom 1. Dez. 1851 (1852)
  • Ãœber die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche (1858-1860)
  • Krieg und Frieden (1861)
  • Ãœber das Prinzip des Föderalismus (1863)
  • Ãœber die politische Fähigkeit der Arbeitermasse (1865)



Weblinks

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