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Wolfgang Pohrt/Vernunft und Geschichte bei Marx

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Wolfgang Pohrt [1], 1978

Vernunft und Geschichte bei Marx[edit]

Wenn ich grob einschaetzen sollte, wie sich das Verhaeltnis von Vernunft und Geschichte bei Marx darstellt, wuerde ich folgendes sagen: Das Kapitalverhaeltnis gilt Marx als notwendiges Uebel, weil ohne seine Errungenschaften offenbar kein Verein freier Menschen moeglich ist.

Wo Marx diese Errungenschaften erwaehnt, tut er dies an den grossartigsten Stellen mit feiner Zurueckhaltung: "Es ist gesagt worden und mag gesagt werden ... " (Ro/ 97) oder er benutzt die englische Sprache. Dass kein Weg am Kapitalverhaeltnis vorbeigefuehrt hat, ist zwar zum Verzweifeln idiotisch und in letzter Konsequenz so unbegreiflich wie die Geschichte insgesamt, aber es ist eben so.

Erst unter der Fuchtel des Wertgesetzes fingen die Menschen an, allgemeinen Reichtum zu produzieren. Dass sie diesen allgemeinen Reichtum nicht immer schon besessen haben, bleibt fuer immer unverstaendlich, und nur die Religionen haben durch ihren Schwindel diesen aergerlichen Bloedsinn gerechtfertigt und begruendet.

Dass schliesslich kein vernuenftigeres Produktionsverhaeltnis als ausgerechnet das terroristische, menschenverwuestende Kapital die Menschen zur Produktion der materiellen Basis eines Vereins freier Produzenten getrieben hat, ist wiederum eine bittere Tatsache, die man zwar konstatieren muss, aber doch eigentlich schlecht begreifen kann. Ich wuerde deshalb nicht von weltgeschichtlich unvermeidbaren Dingen sprechen, denn diese Redeweise setzt eine in der Geschichte waltende Vernunft voraus, die fast an Vorsehung grenzt.

Das Kapital vorausgesetzt, muessen wir beispielsweise die sogenannte urspruengliche Akkumulation als einen unvermeidbaren Vorgang begreifen. Das Kapital selbst aber ist weltgeschichtlich so wenig unvermeidbar wie es sich logisch aus seinen Voraussetzungen nicht erklaeren laesst. Der beruehmte Satz, dass der Schluessel zur Anatomie des Affen die Anatomie des Menschen sei, ist auch so zu verstehen, dass die Anatomie des Affen eben eine andere waere, wenn es keine oder andere Menschen gaebe, und dieser Satz ist vor allem so zu verstehen, dass die Anatomie des Menschen sich nicht logisch aus der Anatomie des Affen ableiten laesst.

Man kann also zwar zeigen, dass ein frueherer Zustand die Voraussetzung eines spaeteren gewesen ist, aber man kann deshalb nicht sagen, dass sich aus dem frueheren Zustand zwangslaeufig der spaetere hat entwickeln muessen, mehr noch: Der fruehere Zustand ist keineswegs die unumstoessliche Basis der spaeteren Entwicklung, sondern ein von der spaeteren Entwicklung gepraegtes Konstrukt, d.h. der Ursprung und der Verlauf der Geschichte ist immer durch ihr gegenwaertiges Resultat vermittelt.

Dass die Erkenntnis der Menschen stets eine spezifische historische ist, ergibt nur dann einen Sinn, wenn die Geschichte kein konsequent logischer Prozess ist, der sich nach immanenten, stets gleichbleibenden Gesetzen entwickelt. Wenn man die Geschichte unter die Bestimmungen der Vernunft setzt, darf man nicht vergessen, dass weder die Geschichte noch ihr Ausgangspunkt, also die Natur, jemals vernuenftig waren. Sie koennen dies schon insofern nicht gewesen sein, als die Vernunft etwas erst spaet in der Geschichte Entstandenes ist, und also von den entlegenen Epochen, die begriffen werden sollen, sehr verschieden.

Selbst dieser Satz setzt allerdings die historische Vernunft schon voraus, und er kann nur gedacht und ausgesprochen werden, wenn sich durch ihrerseits unverstaendliche geschichtliche Zufaelle eine Ahnung von historischer Vernunft, und das heisst immer auch: vernuenftiger Historie gebildet hat. Der vernunftlose Zufall in der Geschichte wird gerade an ihren Bruechen offenbar. Zwischen dem Kapital und den vorangegangenen Gesellschaftsformationen gibt es zum Beispiel im strengen Sinn keine Kontinuitaet. Warum das Kapitalverhaeltnis sich ausgerechnet im Europa des siebzehnten Jahrhunderts bildete, kann man nicht erklaeren. Die Voraussetzungen waeren vielleicht auch anderswo und frueher gegeben gewesen, und alle Voraussetzungen zusammen machen noch kein Kapital, insofern dieses etwas von seinen nichtkapitalistischen Voraussetzungen wesentlich Verschiedenes ist. Das Kapitalverhaeltnis ist gerade nicht reduzierbar auf eine Konstellation nichtkapitalistischer Faktoren, und eine vermutlich beliebig verlaengerbare Liste von Voraussetzungen aller Art wuerde niemals den stringenten Begruendungszusammenhang darstellen, der spaeter das Kapital, unter der Voraussetzung, dass es schon existiert, bestimmt. Die Entstehung des Kapitalverhaeltnisses, und das heisst: Die Entstehung von Vernunft in der Geschichte gehorcht also keiner geschichtlichen Logik, und dieses Schandmal aller historischen Vernunft, diesen Makel ihrer erbaermlichen Herkunft, hat Marx stets im Auge behalten, insofern er unerbittlich darauf bestand, das Kapital logisch aus seinen Gesetzen, und nicht historisch aus seinen Entstehungsbedingungen zu begreifen.

Im Gegensatz zu Engels hat er der Versuchung widerstanden, die Kritik der politischen Oekonomie in eine Geschichtsschreibung von fataler Plausibilitaet umzumuenzen, eine Geschichtsschreibung, die mit dem allwissenden Erzaehler auch die allwissende Vorsehung voraussetzt, eine Geschichtsschreibung, in der die sperrigen, sproeden, furchtbaren, aller Vernunft spottenden Momente kassiert sind, weil sie stets nur als in weiser Voraussicht geplante Entwicklungsstufen der Menschheit erscheinen.

Wo das Kapitalverhaeltnis also herkommt, laesst sich nicht sagen, aber wenn es einmal da ist, wird die Geschichte fuer einen Augenblick logisch - freilich nur im Hinblick auf einen Zweck, der das Kapital bereits transzendiert. Genauer: Die Existenz des Kapitals eroeffnet die Moeglichkeit, die Geschichte unter die Bestimmung der Vernunft zu setzen. Ob diese Moeglichkeit von den Menschen wahrgenommen wird, ist dann allerdings keine logische, sondern eine praktische Frage. Wenn auf das Kapitalverhaeltnis ein Verein freier Menschen folgt, ist es ein Fortschritt gewesen. Wenn auf das Kapitalverhaeltnis der Atomkrieg folgt, wird man es, als Vorstufe dieses Atomkriegs, hingegen kaum als Fortschritt bezeichnen koennen. Ohne den Begriff des Fortschritts aber ist es unmoeglich, von Logik in der Geschichte zu sprechen. Nur wenn man einen Ursprung und ein Ziel schon voraussetzt, stellt sich Geschichte ueberhaupt als ein Prozess mit unterscheidbaren, naemlich in Relation zum Ursprung und zum Ende verschiedenen Entwicklungsstufen dar, und die Unterscheidung verschiedener Entwicklungsstufen ist die erste Voraussetzung, deren zeitliche Abfolge in einen logisch zwingenden Zusammenhang zu bringen. Logik und Teleologie haengen hier offenbar eng zusammen.

Logik ist immer zwar die Sache, aber die Sache, gesetzt unter die Bestimmung des Subjekts. Die Natur ist zwar kein Menschenwerk, die Naturgesetze aber sind dies immer. Die logischen Zwaenge setzen also immer ein frei oder willkuerlich Zwecke setzendes Subjekt voraus. Nur wenn ich der Natur mit einem bestimmten und von der Natur verschiedenen Willen entgegentrete, erfahre ich am Widerstand, den sie gegen meinen Willen leistet, ihre eigene Gesetzmaessigkeit.[2] Der verrueckte Eigenwille zum Beispiel, mitten im Winter unbedingt Erdbeeren essen zu wollen, ist die Voraussetzung fuer die Erkenntnis, dass diese nur im Fruehsommer zu haben sind. Ein Baer hingegen, der Winterschlaf haelt und aehnlichen Gesetzen unterworfen ist wie die Erdbeeren, wuerde von diesen Gesetzen nichts merken.

Die zwingende Logik des Wertgesetzes erlaubt daher Rueckschluesse auf die Existenz eines Subjekts, und zwar eines Subjekts, welches nicht einfach nur der Natur, sondern dem gesellschaftlichen Leben der Menschen selber als Subjekt gegenuebersteht. Damit sind die Menschen einerseits das die Logik des Wertgesetzes konstituierende Subjekt, andererseits die eben der von ihnen selbst konstituierten Logik unterworfene Sache. Es ist dies ein Widerspruch, der genau in dem Moment auftaucht, wo die Gesetzmaessigkeit des gesellschaftlichen Lebens der Menschen als wesentlich erkannt wird, der folglich schon in Montesquieus Buch "Vom Geist der Gesetze" zu finden ist und dort zur bloss graduellen Differenz neutralisiert wird. Montesquieu versucht, die Freiheit zu retten, indem er beschwichtigend sagt, die Gesetze des gesellschaftlichen Lebens der Menschen seien nicht so unbedingt, so perfekt wie die Naturgesetze. Anders verfaehrt Marx. Er nimmt den Anspruch der politischen Oekonomie, Wissenschaft zu sein, ernst, und vor genau dieser Ernsthaftigkeit wird der Anspruch zunichte. Die Logik der politischen Oekonomie bleibt stets partiell und partikular, ihrem Anspruch, den ganzen gesellschaftlichen Lebensprozess der Menschen zu erklaeren, kann sie nicht genuegen. An ihrem eigenen Anspruch gemessen, erweist sich die Logik der politischen Oekonomie als lueckenhaft und widerspruechlich, und das Subjekt, worauf diese Logik Rueckschluesse erlaubt, entpuppt sich als Aufziehpuppe, als bewusstloser Automat. Marx kann also zeigen, dass die Logik der politischen Oekonomie unter den Praemissen, unter denen sie denken muss, scheitert, und er tut dies mit nervtoetender Akribie.

Die Praemissen aber, die fuer das Scheitern der politischen Oekonomie verantwortlich sind, sind selbst keine logischen, sondern ganz reale. Eben deshalb haelt Marx keine wissenschaftliche, sondern eine wirkliche Revolution fuer noetig, und diese vorweggenommene wirkliche Revolution ist eine Praemisse des Marxschen Denkens. An dieser Stelle gesellt sich gewissermassen zu Marx, dem nimmermueden, pedantischen Tueftler, der sich ueber Seiten hinweg in chaotische Rechenoperationen verstrickt und sie am Ende mit "lassen wir das" kommentiert - da gesellt sich also zu Marx, dem penetranten Wissenschaftler sein Zwillingsbruder, naemlich Marx als revolutionaeres Schreibtischsubjekt. Das Kapital als Vorstufe zu einem Verein freier Produzenten betrachtet, also diesen Verein freier Produzenten vorausgesetzt, werden die Luecken und Widersprueche der politischen Oekonomie begreiflich, und der Widerspruch von Freiheit und Notwendigkeit im gesellschaftlichen Leben der Menschen, eine der zentralen Aporien buergerlichen Denkens, loest sich materialistisch gewendet dahin auf, dass die freien Produzenten das Wenige, was zu tun sie noch gezwungen waeren, sehr wohl in freier Uebereinkunft regeln koennten und keines ueber ihnen schwebenden gesetzmaessigen Zusammenhanges mehr beduerften. Die Voraussetzung dieser theoretischen Aufloesung der Widersprueche der politischen Oekonomie ist aber so wenig eine logische, wie zuvor die Unfaehigkeit zur Aufloesung dieser Widersprueche nicht logisch, sondern real begruendet war. Man muss das Kapital vielmehr abschaffen wollen, wenn man es begreifen will, und dieser Wille, das Kapital abzuschaffen, hat seinerseits aussertheoretische Gruende. Ueber die Kontinuitaet zwischen politischer Oekonomie und Kritik der politischen Oekonomie ist hier wieder der Bruch nicht zu vergessen, und als Bruch ist hier zu verstehen der Entschluss des revolutionaeren Schreibtischsubjekts, sich mit keinen Verhaeltnissen abfinden zu wollen, welche den Menschen unterdruecken, ausbeuten, quaelen, verdummen, entmuendigen. Mit diesem revolutionaeren Entschluss hatte nun der Wissenschaftler Marx insofern Glueck, als dieser Entschluss die aussertheoretische Praemisse zur Klaerung von Ungereimtheiten in der politischen Oekonomie war. Ungereimtheiten allerdings, an denen das offizielle Interesse schon laengst voruebergegangen war, weshalb Marx auch nie Professor wurde.

Zwar ist das Kapital nur begreiflich, wenn man es abschaffen will, aber wenn man es abschaffen will, ist es immerhin tatsaechlich zu begreifen. Eben dies wuerde ich von der Entwicklung seit meinetwegen 1870 nicht behaupten. Warum diese Entwicklung, zwei Weltkriege und der Faschismus inklusive, als Voraussetzung fuer einen Verein freier Menschen notwendig waere, wuesste ich nicht zu sagen. Dies scheint mir der Grund fuer das Auseinanderbrechen der Einheit von Wissenschaft und Revolutionstheorie zu sein, die freilich, wie ich auszufuehren versuchte, schon bei Marx keine, also noch niemals eine bruchlose war. Aber immerhin arbeitete Marx unter Verhaeltnissen, die sich in einer Theorie ausdrueckten, der das erloesende Wort fast schon auf der Zunge lag, unter Verhaeltnissen, wo so etwas wie ein Verein freier Produzenten am Horizont erahnbar wurde, weil tatsaechlich um ihre Emanzipation kaempfende Menschen in ihrem Kampf dessen Ziele teilweise schon antizipierten. In solchen Situationen finden Vernunft und Geschichte ausnahmsweise fuer einen Augenblick zueinander, ist die Revolution vernuenftig und die Theorie revolutionaer - mit wesentlichen Einschraenkungen, die ich nun kurz entwickeln will.

Den Verein freier Produzenten schon vorausgesetzt - so wurde bisher argumentiert - wird das Kapitalverhaeltnis logisch. Diese Voraussetzung und also die sich auf sie gruendende Logik tritt aber solange in Widerspruch zur Realitaet, wie die Revolution noch nicht stattgefunden hat, der Wille des erkennenden Subjekts, welcher Voraussetzung seiner Erkenntnis, noch nicht verwirklicht ist. Logik - so wurde gesagt - ist die Sache, gesetzt unter die Bestimmungen des Subjekts. Solange die Sache also nicht wirklich unter die Bestimmungen des Subjekts gesetzt ist, bleibt die Logik widerspruechlich oder Wahn. Die Widersprueche, die immer ein der Realitaet widersprechendes Subjekt voraussetzen, ein Subjekt, welches die Realitaet unter von ihr selbst verschiedene Bestimmungen setzt - diese Widersprueche also droeselt Marx mit zermuerbender Akribie auf. Marx kann zeigen, dass die Logik des Kapitals an inneren Widerspruechen zerbrechen wird - wobei Voraussetzung dieser Logik freilich wieder die vorausgesetzte Revolution ist. Wenn auf das Kapital nicht der Verein freier Produzenten folgt, zerbricht eigentlich nichts, sondern es bleibt alles beim alten. Die grossartige Vernunft, unter welche Marx das Kapitalverhaeltnis setzt, resultiert naemlich aus dem greifbar gewordenen Telos der endgueltigen Befreiung der Menschheit, nur in Bezug auf diesen ihren letzten Zweck kann man Vernunft und Widersinn in der Geschichte unterscheiden. Nicht weniger als die profane Arbeit hat die historische Arbeit zur Bedingung, dass der Produzent das Produkt schon im Kopf hatte, bevor er Hand anlegte. Und ebenso wie die profane Arbeit ist die historische Arbeit stets mit dem Risiko behaftet, zu misslingen. Wenn aus dem im Kopf antizipierten Produkt schliesslich kein wirkliches wird und dies weiss man vorher nie mit letzter Sicherheit - dann war alle Muehe vertan.

Folgt also auf das Kapital nicht der Verein freier Produzenten, so ist es auch kein historischer Fortschritt gewesen, sondern es landet auf dem Friedhof zwar bemerkenswerter, aber untergegangener Kulturen, wird aus einem Gegenstand der Kritik der politischen Oekonomie zu einem Gegenstand der Voelkerkunde. Das diskriminierende Kriterium ist immer, ob eine Epoche zur Revolution taugt. Wenn nicht, unterscheidet sie sich von allen anderen nur graduell. Voraussetzung sogar der Unterscheidung von Kapitalismus und Barbarei ist immer noch die Erwartung der Revolution. Wenn man sie aufgibt, wird diese Distinktion hinfaellig und weicht einem Kaleidoskop verschiedener Gesellschaftsformationen und Epochen.

Indem Marx das Zerbrechen des Kapitalverhaeltnisses prognostizieren kann - indem Marx also das Voruebergehen jener revolutionaeren Situation prognostizieren kann, die seiner Darstellung des Kapitals als widerspruechlichen Verhaeltnisses konstitutiv ist, insofern kann Marx die mit diesem Zerbrechen verbundenen Alternativen nennen: Entweder die Menschheit konstituiert sich wirklich zum historischen Subjekt, oder sie darf sich darauf gefasst machen, von der zweiten Natur, die noch etwas ungemuetlicher ist als die erste, erschlagen oder doch wenigstens zurueckgeschlagen zu werden, und zwar nicht nur auf geschichtlich, sondern eventuell sogar naturgeschichtlich zurueckliegende Entwicklungsstufen, auf die Stufe jener "schwachen und gehetzten Tierarten", von denen Marx im Kapital noch metaphorisch spricht, zu denen die Menschen nach der nuklearen Katastrophe aber durchaus tatsaechlich mutieren koennten. Marx kann zeigen, dass die fuer eine befreite Menschheit notwendigen Produktivkraefte existieren, und dass diese Produktivkraefte sich in masslose Destruktivkraefte verwandeln werden, wenn die Revolution nicht gemacht wird. Marx kann also Notwendigkeit und Moeglichkeit der Revolution beweisen - mehr aber auch nicht, insofern sie ein Akt ist, der sich nicht in den Bedingungen seiner Moeglichkeit und den Zwaengen seiner Notwendigkeit erschoepft.

Logische Konsequenz aus der Geschichte ist die Revolution nur unter der Voraussetzung, dass ein historisches Subjekt bereits existiert. Die Existenz dieses Subjekts ist aber ihrerseits nicht logisch zu begruenden. Weil die Voraussetzungen von Geschichte immer idiotisch sind und der wirkliche Eintritt der Menschheit in die Geschichte dies nicht mehr sein soll, klafft zwischen beiden auch eine rational nicht ueberbrueckbare Luecke. Die Revolution setzt immer die Menschheit als historisches Subjekt schon voraus, obwohl sie dies erst in der Revolution wirklich werden kann. Die Konstitution der Menschheit zum historischen Subjekt bleibt also immer ein Stueck Usurpation, Antizipation, Spekulation - ein Sprung ins kalte Wasser.

Es bleibt bei der Konstitution der Menschheit zum historischen Subjekt unter Verhaeltnissen, die dies eigentlich nicht erlauben, also unter allen Verhaeltnissen, unter denen Revolution erforderlich ist, stets ein irrationales Restchen stehen, die freie, und das heisst: Nicht am Schreibtisch prognostizierbare Uebereinkunft der Betroffenen naemlich, deren spontaner Wille. Zu Marxens Zeiten freilich konnte sich dieses irrationale Restchen, dieser spontane Wille, auf denkbar solide Argumente stuetzen. Dass sich mit Hilfe dieses Willens Fragen klaeren liessen, welche die buergerliche Vernunft selber angeschnitten hatte, verlieh ihm die Autoritaet und den langen Atem der Wissenschaft.

Diese ueberaus glueckliche Konstellation halte ich heute fuer Geschichte. Unter der Voraussetzung, dass es eine proletarische Revolution geben wuerde, konnte Marx das Kapital begreifen, weil es als Vorstufe zum Verein freier Menschen tatsaechlich vernuenftig war. Das heisst aber: Nur unter der Voraussetzung, dass die Revolution auch wirklich gemacht wird, ist die Theorie, die das Kapital als Vorstufe zum Verein freier Menschen begreift, im strengen Sinn richtig gewesen. Diesem Risiko der Falsifikation durch die fernere Geschichte ist jede ernst zu nehmende Gesellschaftstheorie ausgesetzt; die Marxsche ist an diesem Risiko gescheitert, und genau dieses Scheitern macht ihre Groesse aus. Als Wissenschaftler ist Marx gescheitert, als Revolutionaer hat er ebenso recht behalten wie Thomas Muenzer oder Fidel Castro, die beide nichts von der politischen Oekonomie verstanden. Gescheitert ist aber mit der Marxschen Theorie die vernuenftige Begruendung der Revolution, und an dieser vernuenftigen Begruendung muss man trotz ihres Scheiterns festhalten, wenn die Menschheit sich in der Revolution tatsaechlich zum Subjekt konstituieren soll, welches mit Willen und Bewusstsein seine Geschichte macht. Das Scheitern der Theorie ist der Grund, weshalb man stets wieder auf die Marxsche zurueckgreifen muss. Nach ihr gab es keine mehr.

Wenn man dies tut, muss man aber sich ueber die Merkwuerdigkeit dieses Verfahrens Rechenschaft ablegen: Die Vernunft ist so obsolet geworden, dass man sie nur in Archiven und Bibliotheken findet. Sie ist nicht die herrschende. Und wenn sich auf einem Verlagsprospekt der "Marxistischen Blaetter" der Slogan findet: "Der Marxismus - eine geistige Grossmacht unserer Zeit", so ist dies nicht nur geschmacklos, sondern Wahn.

Anmerkungen[edit]

  1. Der Autor galt lange Zeit als Vordenker der antideutschen Bewegung. Robert Kurz bezeichnet Pohrt als "antideutschen Turnvater".
  2. Als Indiz dafuer ist der Umstand zu werten, dass der politische Gesetzesbegriff dem naturwissenschaftlichen historisch voranging. (Anmerkung des Autors)

Kategorie:Texte