Still working to recover. Please don't edit quite yet.

Warum ich mal Schokolade und Zigaretten gekauft habe

Aus <a href="http://deu.anarchopedia.org/Warum_ich_mal_Schokolade_und_Zigaretten_gekauft_habe">Anarchopedia</a>, dem offenen Wissensportal für und von AnarchistInnen
Jump to: navigation, search

»Wenn sie die Mauer wieder aufbauen...«, sagt Tube. »Was, sie bauen die Mauer wieder auf?« fragte ich. Das war ja ein Ding. «Nein, ich meine: Falls sie die Mauer wieder aufbauen...«, sagte Tube.


Das ist immerhin schon denkbar. Schließlich leben wir in einer Demokratie. In einer Volksherrschaft. Das Volk bestimmt in freien und geheimen Wahlen Volksvertreter, die seine Interessen vertreten. Diese Volksvertreter sind nur ihrem Gewissen verpflichtet, also niemandem. Wenn das Volk mit den Volksvertretern nicht zufrieden ist, wählt es bei der nächsten Wahl andere Volksvertreter, mit besserem Gewissen. Daraus folgt, dass die Politik in einer Demokratie den Willen des Volkes widerspiegelt. Und dieser Wille kann sehr, sehr unergründlich sein. In dieser Hinsicht hat das Volk sich mit Gott gemein gemacht. Unergründlich, wie gesagt. Zum Beispiel hat das Volk hier und jetzt keinen Bock mehr auf Rente. Auf Zahnersatz auch nicht so richtig. Unverständlich eigentlich, aber in der Demokratie erfüllt die Regierung nun mal den Wählerauftrag, selbst wenn er reichlich masochistisch anmutet. Einem Volk, das keinen wirklichen Bedarf an Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe sieht, das viel arbeiten und wenig verdienen möchte, so einem Volk ist Alles zuzutrauen. Wenn sich selbstzerstörerische Sehnsüchte erst einmal etabliert haben, bleibt der Politik nichts anderes übrig, als sie zu verwirklichen. Warum sollte so ein Volk sich nicht irgendwann wünschen, dass die Mauer wieder aufgebaut wird? Und dann werden sie die Mauer wieder aufbauen.


»Wenn sie die Mauer wieder aufbauen«, sagte Tube, »dann habe ich wenigstens ein Westauto.«


Ich habe dann wenigstens Westschallplatten. Und einen Westcomputer. Und eine Westbrille. Das muss reichen. Im Osten damals hatte ich nicht mal das. Da werde ich es im zweiten Osten also besser haben. Die Umstellung wird mir gar nicht so schwer fallen. Tube auch nicht. Wir sind beide gelernte Ostler.


So wie damals im alten Osten die vom Krieg zerstörte Wirtschaft verstaatlicht wurde, durch Enteignung der Unternehmen, so wird man dann im neuen Osten die von Treuhand, CDU und Sozialdemokratie verwüstete Wirtschaft verstaatlichen, durch Enteignung von Designerbüros, Werbeagenturen und Internetklitschen. Internet klingt sowieso ostig: Interflug, Interkosmos, Intershop, Internationale – jetzt also auch Internet. Email wird umgetauft in Epismo. SO wie heute die Kapitalisten jeden Tag mit Werbe-Emails das Postfach verstopfen, werden es dann die Kommunisten mit Werbe-Epismos tun. »Vorwärts zum nächsten Parteitag mit 120 % Planerfüllung!«, »Mädchen aus der FDJ stöhnen dir ins Ohr: Mach's mir, drei Jahre lang, bei der NVA!«, »Penisverlängerungen um 120 % – wir Kalikumpel halten Wort!«


Die Schwaben, die wegen der billigen Mieten in den Prenzlauer Berg gezogen sind, werden sich ganz schön umgucken. Andererseits haben sie dann noch viel billigere Mieten. Wechseln sie eben das Studienfach, studieren sie eben Marxismus-Leninismus.


Auch die Türken, die die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, werden sich umstellen müssen. »Geil Alta, Genosse, fährsu korrekt Trabant.« Â»Ja, Genosse Alter, hab isch gewartet sechszehn Jahre, voll krass.« Â»Ey, kommssu heute Abend Kino Sojus? Kommt korrekter DEFA-Film Genosse.« Â»Ja cool Alter, Druschba!«


Vielleicht wird dieser neue Mauerbau ja schon längst vorbereitet. Im Fernsehen jedenfalls soll ja zurzeit sehr viel Ostkram laufen. Ich allerdings weiß nicht, ob das stimmt, denn ich habe keinen Fernseher.


Einen Westfernseher muss ich mir unbedingt besorgen, bevor die Mauer wieder aufgebaut wird. Muss mir Tube beim Transport helfen, der hat ja ein Westauto. Der hat auch eine Westfreundin. Meine kommt ja aus Lichtenberg. Besser ich such mir eine andere. So eine hässliche, die sonst keiner will und die immer Kaffee mit rüber bringt und Illustrierte. Notfalls ginge auch ein Mann. Ist ja bloß bis zur Rente, bis ich selber rüber fahren kann.


Eigentlich ist jetzt auch der richtige Zeitpunkt für eine neue deutsche Spaltung. Die meisten Häuser im Osten sind saniert, die Straßen und die Telefonnetze auch. Eigentlich kann es wirtschaftlich doch nur noch bergab gehen. Jetzt ist alles noch schick und neu. Vergammeln lassen können wir das auch im Osten. Dazu brauchen wir keinen Kapitalismus. Bestimmt bauen sie bald die Mauer wieder auf. Tube wird schon wissen, wovon er redet.


Und ich, ich wird mal Schluss machen, mit diesem Text und einkaufen gehen. Schokolade und Zigaretten. Westschokolade und Westzigaretten.


[Dieser Text hat seinen Ursprung hier: Spider - Im Arbeitslosenpark]