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Severino di Giovanni

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Severino di Giovanni wird am 17. März 1901 in Chieti (Abruzzen) als Sohn von Carmine Di Giovanni und Rosaria Duranti in ärmliche Verhältnisse hineingeboren – seine Jugend wird vom ersten Weltkrieg und vor allem von dessen Folgen für den Grossteil der italienischen Bevölkerung bestimmt. Armut, Hunger, Tod bestimmen deren Alltag. Severino erlernt die Typografie und liest anarchistische Bücher, bei Malatesta und Proudhon findet er Ideen für seinen Hass auf Autoritäten, bei „Gott und der Staat“ interpretiert er, dass alle Mittel erlaubt sind, um die Revolution herbeizuführen und die Freiheit zu gewinnen. Mit 20 beginnt er aktiv an der anarchistischen Bewegung teilzunehmen.

1922 heiratet er Teresa Masciulli. Der “Marsch auf Rom“ und die Machtübernahme von Mussolini, die Verfolgung von Anarchist*innen und Dissidenten in den „schwarzen Jahren“(Biennio nero) drängt sie dazu, über Brasilien nach Argentinien auszuwandern. Im Mai 1923 kommen sie an Bord des Dampfers Sofia mit ihrer Tochter in Buenos Aires an. In Ituzaingó, 16 Kilometer von der Stadt entfernt, lassen sie sich nieder und leben anfangs vom Kultivieren und Verkauf von Blumen. Severino findet bald Arbeit als Schriftsetzer in Morón und schließt sich rasch einer antifaschistischen und anarchistischen Gruppe an, die die Zeitung „ L` Avvenire“(Die Zukunft) herausgibt. Unter dem Pseudonym N. Donisvere erscheint sein erster Artikel am 1.April 1924 mit dem Titel „Delenda Carthogo“ „Zerstören wir Karthago. Das moderne Karthago, das der Reichen, der Priester und des Militärs! Dies soll der Ruf der Rebellen sein und das Motto für die soziale Revolution. Der Schrei des müden Herumirrenden, des Hungernden durch die Entbehrung aufgezehrt, mit dem Durst nach Gerechtigkeit, den der Gefallenen durch ihre genaue Kritik, schuldig der Rebellion.“

Severino stand der Gruppe um „La Antorcha(Die Fackel)“ näher als der FORA


In einer Zeit wo die Polizei Demonstrant*innen niederschoss und die Patriotische Liga Arbeiter*innenviertel plünderte, musste – ihrer Ansicht nach – mit Gewalt diesen Gewalten begegnet werden. Als sich „La Protesta“ und FORA weigerte, sich auch für Gefangene, die z.B. wegen Eigentumsdelikten (Enteignungen, Fälschungen etc.) einsaßen, zu unterstützen, war der Bruch komplett. Severino trat da schon in seinen Artikeln für Enteignungen und Banküberfälle als Finanzierung für weitere „direkte Aktion“ ein.

«Die Schönheit selbst liegt in der Vielfältigkeit der Aktivität.. Heute gründet das Individuum eine Zeitschrift, morgen macht es ein Buch, dann einen Artikel. Für die Ausführung dieser Projekte braucht es Mittel, und es enteignet jene, die unterdrückend und zu Unrecht besitzen. Dies ist das Individuum auf Kriegsfuss. Ein illegaler Bandit gegen legale Banditen.»

1925 lernt er América Josefina Scarfò kennen und lieben, die Schwester von Alejandro und Paulino Scarfo, die Weggefährten von Severino geworden waren.

Die Familie Scarfo, ebenfalls aus Italien eingewandert, war eine katholische Mittelschichtsfamilie, die sich lange gegen eine Verbindung ihrer 15jährigen Tochter mit einem (verheirateten) Mann sträubte --- America, nach außen wohl behütet, herausragende Schülerin der Mädchenschule „Estanislao Zeballos“ hatte bei den sechs Brüdern eine besondere Beziehung zu Alejandro, der ihr libertäre Lektüre gab und eines Tages Severino de Giovanni vorstellte.

América lebte nun bis zu dem Tod von Severino mit ihm zusammen. Sie starb am 26.August 2006 in Buenos Aires.

„Sie kritisieren unseren Altersunterschied. Nur weil ich 16 bin und Severino 26. Ah, diese Päpste des Anarchismus. Als wenn das Alter die Liebe stört. Als wenn ich nicht selbst die Verantwortung für meine Handlungen tragen könnte. Auf der anderen Seite ist es mein eigenes Recht wenn mir der Altersunterschied nichts bedeutet, was maßen sich andere an, darüber zu urteilen? Ich verschmähe alle, die nicht verstehen können, was Liebe bedeutet. Wahre Liebe ist rein. Sie ist die Sonne, deren Strahlen sie denen entgegenstreckt, die nicht allein in die Höhe klettern können. Die Liebe, das Leben ist etwas, was nur frei gelebt werden sollte.

Dies wünsch ich mir für alle wie auch für mich! Diese Freiheit zu handeln, zu lieben, zu denken. Diese Freiheit, die Anarchie, wünsche ich der ganzen Menschheit.“ (América Scarfo. 1928)


Ab 1830 wanderten viele Italiener*innen nach Argentinien aus, vor allem nach Buenos Aires. In den Jahren zwischen 1876 bis zum Ende des ersten Weltkrieges war es wohl fast 2 Millionen. Verstärkt wurde diese Einwanderung durch eine neue, sehr strikte Einwanderungspolitik in Nordamerika, die die meisten italienischen Einwander*innen diskriminierte und verfolgte. So bildete sich bis in die 20erJahre in den argentinischen Städten eine breite Mittelschicht.

Der italienische Botschafter in Buenos Aires, Luigi Aldrovandi Marescotti, Graf von irgendwas, wartete am 6.Juni 1925 im Theater Colon in Buenos Aires auf den argentinischen Präsidenten Alvear. Die italienische Gemeinde hatte sich in Prunk gehüllt, um den 25.Jahrestag der Thronbesteigung von Victor III. zu feiern. Für den Botschafter war das hier ein eigenes kleines Rom geworden – das Italien der Zukunft – hier zahlreich vor ihm, dem Stellvertreter Mussolinis – eine grosse Anzahl „ Scuadristas“ (Schwarzhemden), hohes Militär und diplomatisches Chor. Als die italienische Nationalhymne gespielt wurde, traten ihm Tränen in die Augen, das Blut pulsierte in den Venen der anwesenden Männer des Vaterlandes, hin und wieder ein kleiner Seufzer ihrer weiblichen Begleitung. Alles sang mit!

“Mörder! Diebe! Matteotti lebt“

Alle schauten nach oben, wo Flugblätter herunter segelten. Severino di Giovanni und andere warfen sie unter Rufen „Victor der Dritte würzt sein Essen mit dem Blut der von Mussolini ermordeten Antifaschisten“ in die aufgelöste Menge. Bei dem anschließenden Handgemenge mit den „Schwarzhemden“ wurden sie niedergeschlagen und anschließend von der Polizei festgenommen und inhaftiert.


Victor III. war mit der Situation in Italien nicht einverstanden. Wirtschaftlich und politisch ging es in eine Krise, Aufstände schürten die Angst vor dem Proletariat und seinen „linken Ideologen“. Bei dem Wunsch, die „Ehre Italiens“ wieder herzustellen, kam ihm Mussolini gerade recht. Es gab auch sonst nur wenig Widerstand gegen den wachsenden Faschismus in Italien. Die italienischen Kommunist*innen wandten sich gegen den bewaffneten Widerstand der „Arditi del Popolo“, die Sozialisten, obwohl einer ihrer führenden Leute, Giacomo Matteotti*, von den Schwarzhemden ermordet worden war, vereinbarten im Parlament einen Nichtangriffspakt.

  • Giacomo Matteotti, Abgeordneter der PSU (Partito Socialista Italiano), warnte am 30.Mai 1924 im Parlament in einer eindrucksvollen Rede vor den Faschisten in Italien. 11 Tage später wurde er von "Schwarzhemden" entführt und ermordet.

Severino – nach kurzem Gefängnisaufenthalt wieder frei – gründete daraufhin im August 1925 die Zeitschrift „Culmine“(Gipfel). Er schrieb die Artikel, setzte und druckte sie selbst.

„Wir müssen uns selbst bleiben – ohne die rote Tscheka und ohne die schwarze Tscheka, und ohne die pseudo-revolutionäre Politikerbande – uns selbst sein, Anarchisten aus Überzeugung, Anarchisten in Überzeugung, Anarchisten mit Überzeugung. Was die anderen betrifft: Genauso gut wie sie sich heute in dem Schmelztiegel aller Niederträchtigkeit ergötzen können und sie sich heute selbst als Antifaschisten bezeichnen, um sich einen größeren Anteil vom Erbe zu sichern, wenn der Faschismus stirbt, können sie morgen, wenn sie endlich am Hebel sitzen, ihrerseits eine andere faschistische Politik führen. Ohne uns mit diesem Wort anzustecken oder zu imitieren: Antifaschismus, ein Wort, das für uns einen Sinn enthält, der revolutionärer, erhabener und aufständischer ist. Mit ihnen – genauso wie mit den Faschisten – wird es niemals eine Versöhnung geben können. Auf gleiche Weise wie die Heerscharen des Totenkopfes von heute, sind sie Zuhälter gewesen, sie lebten in den Kulissen des Viminale(=heute das Innenministerium, Chif.) oder in den Kammern des Parlaments, während sie das Regime und seine Schandtaten guthießen oder unterstützten…

„An all jene, die dem Feind zusetzen wollen bis zum letzten Atemzug, schlagen wir, in Italien und sonstwo, eine autonome und verstreut angeordnete Guerilla vor, bestehend aus kleinen Einheiten, die schwieriger erreichbar und identifizierbar sind. Dass sich also in den verschiedenen Milieus und den verschiedenen Kreisen auf wenige Personen beschränkte Komitees oder Aktionsgruppen bilden.“ (CULMINE, 1926)


1920 waren in den USA die beiden Anarchisten Sacco und Vancetti festgenommen und des Mordes angeklagt worden. Severino di Giovanni engagiert sich stark an den Protesten, schreibt in „Culmine“ immer wieder ausführlich über die Entwicklung der Kampagne, forciert sie: „Protestiert, agiert weiter! Der Protest muss noch heftiger funkeln als zuvor. Kein Tag darf vergehen. Retten wir Sacco und Vancetti ! Denken wir an Sacco und Vancetti! Setzen wir dem Martyrium endlich ein Ende! Die italienischen Anarchisten sollten voran gehen. Nur die proletarische Aktion kann Sacco und Vancetti retten! Wir glauben nicht an die Gerechtigkeit, wenn sie nicht von uns selbst kommt. Fordern wir die Freiheit der beiden Anarchisten, an jedem Ort, in den Gruppen, den Gewerkschaften, in den Versammlungen, in der Stadt und auf dem Land. Heute oder nie ! Weil morgen kann es schon zu spät sein! Protestieren wir, protestieren wir. Sie fordern es von uns. Erinnert euch an ihren Ruf: „Arbeiter, seid gegrüßt! Es lebe die soziale Revolution."

Am Sonntag, dem 16.Mai 1926 organisierte „La Antocha“ eine Solidaritätskundgebung für Sacco und Vancetti. Es war der Tag, als das Todesurteil offiziell verkündet wurde. 250 Menschen lauschten vielen Rednern, aber für Aufregung und spontanen Applaus sorgte Severino di Giovanni. Er sprach nicht viel, aber was er sagte, begeisterte vor allem die Jüngeren. „Mehr einzelne Aktionen seien nun angebracht“ und „Mehr Gewalt den Gewalten“. An diesem Tag begaben sich Severino und seine kleine Gruppe auf eine Reise, der jegliche Rückkehr ausschloss.

Kurz vor Mitternacht explodierte vor dem Eingang der US-Botschaft eine Bombe, die die gesamte Front komplett zerstörte. Severino tat alles, um den Verdacht auf sich zu lenken. Hatte er schon auf der Versammlung von entsprechenden Aktionen gesprochen, schrieb er nun in „Culmine“ unter dem Titel „ Auge und Auge mit dem Feind“: „Eine Bombe ist bei der US- Botschaft explodiert. Ein Signal, ein Zeichen des Kampfes, das Verbrechen gegen unsere beiden Genossen zu rächen.“ Und mit dem Titel „Alles ist verloren“: „Die Nachricht des Obersten Gerichtshofes ist eine Herausforderung der kapitalistischen Klasse und als solche werden wir sie aufnehmen. Passt auf ihr Henker.“ Severino wird mit einigen anderen Anarchisten verhaftet und fünf Tage von der Polizei verhört. Am 28. Mai beginnen die Festgenommenen mit einem Hungerstreik gegen die „Polizeiwillkür“. Nach fünf Tagen und „ohne einen Krümel Brot gegessen zu haben“, dafür aber mit einem Lächeln auf den Lippen, werden sie freigelassen. Noch am gleichen Tag wird Severino in „Culmine“ schreiben: “Dieses Lächeln der Verheißung ist für uns, die wir den erbitterten Kampf gegen die Tyrannei und alle Demütigungen aufgenommen haben. Vorwärts, vorwärts, auf daß wir erneut siegen werden.“ Obwohl die Beweise gegen Severino und die anderen nicht ausreichten, war der Polizeichef von Buenos Aires fest von der Tatbeteiligung Severinos überzeugt, er, der ihn die ganze Zeit bei den Verhören und der Folter immer nur mit Trotz und Verachtung angeschaut hatte.

Und ist auch bei den folgenden Aktionen, den Enteignungen und Anschlägen überzeugt, dass die Gruppe um Severino di Giovanni die Akteure sind. Bei dem Attentat gegen die City Bank, wo er wieder freigelassen werden musste, bei Bombenanschlägen gegen die Fordwerke, bei Dynamitattentaten auf Eisenbahnen, versuchter Gefangenenbefreiung – all dies und alles andere, was in dieser Zeit geschah, wurde von den offiziellen Behörden Severino di Giovanni und seiner Gruppe unterstellt – sie wurden so was wie „Superhelden“, die morgens Banken ausrauben, nachmittags Konsulate überfallen und abends Bomben an Botschaften legen und nachts sogar noch Anarchosyndikalisten und Redakteure der „La Protesta“ wie Emilio Lopez Arango erschießen – und dann auch noch Zeit haben, Artikel zu schreiben.

Vor allem Diego Abad de Santillán ( künftiger Wirtschaftsminister im Spanien von 36/37)) war derjenige, der den bis heute von Unbekannten begangenen Mord an Arango als Racheaktion von Severino d Giovanni gesehen haben will, weil sich Arango öffentlich gegen den „Terrorismus“ von „Anarchobanditen“ ausgesprochen habe. Santillan zweifelhafte Verdächtigungen und der schon bekannte Begriff „Anarchobanditen“ wurden Teil einer denunziatorischen Kampagne gegen die Gruppe um Severino di Giovanni.

„Anarchobanditen“ hatte die FORA schon 1921 die Gruppe „ Roter Rat“(Consejo rojo)Fetter Text genannt, die in bewaffneten Aktionen und Enteignungen gegen die Großgrundbesitzer in Patagonien kämpfte. Um die Verhandlungen mit diesen nicht zu gefährden, distanzierte sich die FORA um Antonio Soto offiziell von diesen „Banditen“, soll sogar Standorte des „Roten Rates“ an das Militär weitergegeben haben. Die Antwort der Landbesitzer und des Militärs war die Erschießung von 1500 streikenden Landarbeiter*innen und die Zerschlagung der Streikbewegungen in Patagonien.


Nun, 1928, entfalteten die Behörden in Buenos Aires durch das Bombenattentat gegen das italienische Konsulat und tiefer Verbundenheit zum Mussoliniregime eine flächendeckende Verfolgungsjagd, flankiert durch eine offene Kampagne der FORA nahen Zeitung „La Protesta“, die sich von „Banditen“, „Faschisten“ und „Terroristen, die den Anarchismus missbrauchen“ distanzierten und damit Severino di Giovanni und seine Gruppe meinten.

„Der Faschismus hat uns eine zur extremen und bestialischen Gewalt neigenden Denkweise gebracht zusammen mit einer unbeschreiblichen Feigheit Die Verbrechen des Faschismus haben alle diese Charakteristika: die Gewalt und die Feigheit. Zwischen einer revolutionären Tat und einer faschistischen Tat liegt der Abgrund, den es zwischen der Verantwortlichkeit und der Unverantwortlichkeit, zwischen dem Gewissen und der Barbarei gibt. Eine revolutionäre Tat ist voll von Menschlichkeit, immer imprägniert von Verantwortlichkeitsgefühlen Ein Wilckens setzt seinen Körper ein, um bei seiner Tat gegen Varela kein Kind zu verwunden. Also, vergleicht die Aktion von Wilckens gegenüber den Aktionen (in der City Bank) und dem italienischen Konsulat – und ihr werdet den Unterschied verstehen. Im ersten Fall gibt es Opfergeist, ein klares Ziel, ein Gewissen und eine Verantwortlichkeit, ein Held, ein Mann, der dem Ganzen ein Gesicht gibt. In der Bombe im Konsulat finden wir Unmenschlichkeit, Feigheit, Unverantwortlichkeit, Bestialität und damit reinen Faschismus.“ (La Protesta, 1928))

Bei soviel „edler Männlichkeit“ war das Feuer auf Severino und die Brüder Scarfó eröffnet.


Am 23. Mai 1928 betrat Severino di Giovanni das italienische Konsulat in Buenos Aires. An diesem Vormittag hatte der Botschafter sein Kommen angesagt. Für Severino die Gelegenheit, ein Zeichen zu setzen, würde die Tötung des Botschafters doch für das faschistische Regime in Italien ein großer Rückschlag bedeuten und die italienischen Antifaschist*innen ermuntern, ihrerseits zu ähnlichen Aktionen zu kommen. Aber es gelingt ihm nicht, zum Botschafter zugelassen zu werden, zumal erregte der große schwere Koffer, in dem er die Bombe versteckt hatte, mehr und mehr Aufsehen. Auch mit dem Wissen, dass er der Polizei bekannt ist, bricht er die Aktion ab, ein weniger bekannter Genosse übernimmt. Dieser verirrt sich jedoch in den Gängen so sehr, dass er aus Zeitnot den Koffer irgendwo in der Nähe des Eingangs abstellt.

Um 11.42 erschüttert eine riesige Explosion das Gebäude, neun Menschen sterben, 34 werden durch die Trümmer verletzt.

In den nächsten Tagen beginnt eine hektische Suche nach den Tätern. 400 Anarchist*innen werden verhaftet, das ganze Land redet nur von diesem Bombenanschlag, eine kalkulierte Hysterie wird entfacht, die die „La Protesta“ zur Denunzierung von Severino Di Giovanni und seiner Gruppe treibt.“…. In der Bombe im Konsulat finden wir Unmenschlichkeit, Feigheit, Unverantwortlichkeit, Bestialität und damit reinen Faschismus.“ „La Antorcha“ wird dagegen bemerken, dass der wahre Schuldige der italienische Faschismus ist, der mit seiner ständigen Gewalt ein ganzes Volk terrorisiert und von daher jede noch so heftige Reaktion möglich ist. Aber ihre Aussagen klingt zum ersten Mal nicht mehr so eindeutig wie zuvor: „Der Anarchismus ist nicht so. Er drückt sich nicht durch blinde oder verzweifelte Gewalt aus. Seine Gewalt ist defensiv und aufmerksam, weil er das Gefühl des Hasses auf die Unterdrückung mit einem Gefühl der Gerechtigkeit beleuchtet, dessen Licht seine Taten ausrichtet. Aber wir verstehen es, weil wir in der Lage sind, die gleiche Verzweiflung zu fühlen, die, vielleicht, die Bombe abgestellt hat sowie der Schmerz über die unschuldigen Opfer dieser verzweifelten Geste auch der unsere ist“ Die Grenze des bewaffneten Widerstands schien überschritten, die Guerilla schien sich zu verwandeln.

Severino di Giovanni und die anderen tauchen unter.

Am 24. 12. 1929 versuchte Gualterio Marinelli den wieder gewählten Präsidenten Hipolito Yrigoyen zu erschießen. Dieser blieb jedoch unverletzt, Marinelli wurde von der Leibwache erschlagen. Dieser Attentatsversuch rief in den anarchistischen Lagern vielfältige Reaktionen hervor. „La Protesta“ distanzierte sich in der bekannten Art und bemerkte etwas irritierend, dass ihnen „ Yrigoyen lebend wichtiger sei als tot“, weil er da hätte noch weiter Fehler machen können.

Anders Severino di Giovanni, der nun keine Gelegenheit zur öffentlichen oder mündlichen Propaganda mehr hatte, aber noch schreiben konnte. In „L`Adunata(Die Versammlung)“ lobte er Marinelli als „Anarchisten der neuen Ära“ und bezeichnete im gleichen Artikel Yrigoyen als „Caudillo“, also Heerführer .


„Wenn Argentinien das Land des „Caudillisimo“ ist, dann erscheint mir Yrigoyen als der Prototyp: eine schändliche Mischung aus Schlägertyp und Mafiosi. Charakterisiert durch eine völlige Abwesenheit von Mut und persönlicher Ehre…. 60 Jahre lang ein Leben mit dunklen Manövern und Intrigen, in seiner ersten Amtszeit mit grausamen und blutigen Entscheidungen, von seinen Schreiberlingen als „Vater der Armen“ propagiert…. ´Nun also wieder an der Macht, ` bemerkt er weiter, ´mag er auch Haare gelassen haben so ginge doch die Niederschlagung der Opposition weiter und mit der Ermordung von Carlos Washington Lencinas (Senator in Mendoza und Gegenspieler von Yrigoyen, Chif.) sogar durch das direkte Mandat des „Caudillo“ ` Yrigoyen galt vor allem beim liberalen Bürgertum als „Reformer“ und „Vater der Nation und der Arbeiter“, hatte er doch einige (alte) Forderungen der Gewerkschaften erfüllt und den meisten (vor allem in Städten und da den Mittelschichten) eine höhere Lebensqualität „beschert“. Aber mit dem gleichen Machtinstinkt ließ er dann schon mal seine Bluthunde los, um die trotzigen und weiter protestierenden Landarbeiter niedermetzeln zu lassen – ob dies „La Protesta“ mit den „Fehlern“ gemeint hatte!?

Aber Severino hatte in dieser Phase andere Sorgen. Da war zum einen Alejandro Scarfò, Weggefährte und Lieblingsbruder von America Scarfò, festgenommen und die psychiatrische Anstalt „Vieytes“* gesperrt worden.

Trotz einiger weniger Verbesserungen 1913 (vor allem in der Erweiterung von Räumen) war die Situation der in psychiatrische Anstalten und Asyle Eingewiesenen in diesen Jahren nicht besser geworden. Hier galt immer noch der Grundsatz „ Fasten, Stöcke, Duschen“ also: „Hungern, geschlagen und abgespritzt werden“ und die von Foucault beschriebenen menschenverachtenden Zustände in der französischen Psychiatrie ähnelten frappierend denen in Argentinien. „Mit ihrem Kot, scheinbar Hunden gleich, schreiben sie dennoch Zeichen ihrer letzten Würde. Überlegen ihren Wärtern“ Fetter Text Zum anderen fanden sich aber für Severino und America keine Möglichkeiten mehr, sich zu treffen. Es blieben die Briefe zwischen den beiden. „Meine süsse Hoffnug: ich habe dich gesucht, habe an dich gedacht, du warst mein einziger Gedanke. Ich habe dich aber nicht treffen können. Du warst weit weg von meinem Sturm. Vielleicht hast du glücklich durch unsere Liebe gelacht, Ignorantin meines Schmerzes. Aber ich lachte nicht, konnte nicht lachen(aber hab an dich gedacht, natürlich),.“

Und er wendet sich an die Anarchist*innen in anderen Ländern, korrespondiert mit vielen libertären Gruppen, diskutiert und erläutert in seiner neuen Zeitung „Anarchia“(die er durch einen Bankraub finanziert hatte), sucht die Annäherung. So findet er bei denen Unterstützung, die direkt oder nahe genug am täglichen faschistischen Terror in Italien sind, die vom „Aufbegehren, der Konspiration, der notwendigen Untergrundarbeit“ reden, um gegen den Feind die gleichen Mittel anzuwenden, die er gegen die Widerständler*innen einsetzt.

Der Konflikt mit „La Protesta“ und der FORA bleibt und verschärft sich noch mehr, als die FORA mit Präsident Irigoyen, um die Freilassung von Simon Radowitzky zu erreichen, einen Deal macht. Die Begnadigung Radowitzkys gegen die Beendigung von Streiks.

Die Sympathie für die Taten von Severino di Giovanni nahmen zu --- es bildeten sich weitere Gruppen, die sich auf das Konzept der „Enteignungen“ fokussierten. Fast schon selbstverständlich dazu mit der immer spektakulärer werdenden Reaktion von „La Protesta“ und vor allem von dem schon sattsam bekannten Diego Abad de Santillán: „ Es ist besser einem gewöhnlichen Verbrecher zu helfen als einem „enteignenden“ Anarchisten“.Fetter Text Und er billigte alle Methoden, um gegen diesen „Krebs“ ( gemeint sind die enteignenden Anarchist*innen) vorzugehen ---- Was er im einzelnen mit „allen Methoden“ meinte, der Militärputsch von General Uriburu am 8.September 1930 beendete alle weiteren Spekulationen.

Die „Patriotische Liga Argentiniens“ hatte sich 1919 gegründet um die sich radikalisierende Streikbewegung niederzuschlagen. Ihre Angriffe galten neben den Streikenden vor allem Einwanderen und Syndikalisten. Bei dem Massaker 1922 in Patagonien spielten sie eine herausragende Rolle. Und mit ihnen putschte sich nun Jose Felix Uriburu an die Macht. Gewerkschaften wurden verboten, die Anarchist*innen, die nicht untertauchen konnten, wurden verhaftet, die italienischen an das Regime Mussolini ausgeliefert, andere nach Feuerland deportiert.

Severino di Giovanni blieb im Untergrund. In seiner Druckerei in Burzaco (23 Km von Buenos Aires)begann er mit den Werken von Elisee Reclus, in seiner Zeitung „Anarchia“ rief er zum Widerstand gegen die Diktatur auf. Am 2.Oktober 1930 raubt die Gruppe um Severino Gelder aus den „Obras Sanitarias de la Nación“(so was wie die Wasserwerke). 286.000 Pesos sind der bis dato grösste Betrag, der in Argentinien „umverteilt“ worden war. Es begann eine intensive Repressions –und Verfolgungsarbeit der Putschisten, gegen diese „Schmach“. Im Januar 1931 wird ein Freund und Mitstreiter Severinos, Mario Cortucci, festgenommen. Nachdem er lange der Folter widerstanden hatte, brach er am zehnten Tag zusammen und nannte den Aufenthaltsort von Severino in Burzaco.

Am Donnerstag, dem 29. Januar 1931, wird Severino dort beim Verlassen seiner Druckerei eingekreist und festgenommen. Es gelingt ihm allerdings erst einmal zu flüchten. Die anschliessende Verfolgungsjagd hätte ein Filmkrimi nicht besser umsetzen können. 50 Polizisten verfolgten ihn durch die Strassen von Buenos Aires. Feuerten von Dächern, in Gassen, töteten dabei ein fünfzehnjähriges Mädchen. Severino schafft es noch in eine Garage. Um der Folter zu entgehen, versucht er sich mit Schüssen in die Brust, selbst zu töten. Notdürftig verbunden, wird er unter Schlägen zum Hauptquartier verbracht.

Am gleichen Tag wird sein Mitstreiter und enger Freund, der Bruder seiner geliebten, Paulino Scarfó ebenfalls verhaftet. Beide werden mit einer Zange die Hoden zerdrückt, die Zunge verdreht, bei Beschimpfungen und verbalen Demütigungen mit Eisenstangen geschlagen.


In einem Schnellverfahren werden beide zum Tode verurteilt.

Severino di Giovanni wird am 1.Februar 1931, überall in Ketten und halb sitzend, mit 8 Schüssen hingerichtet. Einen Tag später Paulino – auch er unter den Rufen „ Es lebe die Anarchie“.

Hastig und heimlich wird Severino im Chacarita Friedhof verscharrt. Als sich am nächsten Tag frische Rosen auf seinem Grab finden, wird er ausgegraben und in ein Massengrab „versteckt“. Aber auch hier folgten ihm die roten Rosen – Tag für Tag, Monat für Monat.

“Es tut weh/ darüber zu sprechen/in meinem Hals ein Wirbeln/ ein geräuschloses Ersticken/alle Wörter durch ein Schluchzen erstickt/ Dieses Gesicht / das sich im glühenden Schleier der Liebe/durch die dicken Eisen abzeichnet/ mit diesen furchtlosen, verächtlichen Schweigen/dieser Verachtung für das Leben/ und die Fesseln/Kein Murmeln, kein Wimmern/keine vereinzelte Träne in seinen Augen/ Als die Ordnung kommt/ um „zu schiessen“/endlich eine zitternde Begeisterung/lässt seine Brust anschwellen/in dem Schrei /“Viva la Anarquia“/Und die aufgehende Sonne/ trunken von seinem Schrei/ umarmt ihn überschwänglich/ Oh Freiheit/ Ist je ein treuerer Liebhaber in deinen Armen gestorben?….“(Virgilia D´Andrea).


Das weitere Schicksal der Gefährten:

Aldo Aguzzi, Redakteur von „La Antorcha“ , der immer wieder Severino verteidigt hatte, kämpfte an der Seite der Anarchist*innen in Spanien, nach der Niederschlagung der Revolution kehrt er nach Argentinien zurück, wo er 1941 den Freitod wählt.


Nicola Recchi,, der „Theoretiker“ der Gruppe um Severino di Giovanni und Inspirator der Enteignungsaktionen, wird von dem argentinischen Militär festgenommen und vergeblich gefoltert. Seine rechte Hand anschliessend zu blutigem Brei geschlagen. Er verschwindet im Schatten der Stadt und soll 1987 in Buenos Aires gestorben sein.

Jorge Tamayo Gavilán, der „Chilene“, wird unter nie geklärten Umständen von der Polizei in einem Hotel im Juli 1931 erschossen. Er hatte mit vier anderen im Juni bei einem Festdinner den argentinischen Polizeichef José Rosasco beim Dessert erschossen, als Rache für den Tod Severinos und den Folterungen an Anarchisten.


  • Komplett mit Bild und Ton hier: Severino di Giovanni wird am 17. März 1901 in Chieti (Abruzzen) als Sohn von Carmine Di Giovanni und Rosaria Duranti in ärmliche Verhältnisse hineingeboren – seine Jugend wird vom ersten Weltkrieg und vor allem von dessen Folgen für den Grossteil der italienischen Bevölkerung bestimmt. Armut, Hunger, Tod bestimmen deren Alltag. Severino erlernt die Typografie und liest anarchistische Bücher, bei Malatesta und Proudhon findet er Ideen für seinen Hass auf Autoritäten, bei „Gott und der Staat“ interpretiert er, dass alle Mittel erlaubt sind, um die Revolution herbeizuführen und die Freiheit zu gewinnen.

Mit 20 beginnt er aktiv an der anarchistischen Bewegung teilzunehmen.

1922 heiratet er Teresa Masciulli. Der “Marsch auf Rom“ und die Machtübernahme von Mussolini, die Verfolgung von Anarchist*innen und Dissidenten in den „schwarzen Jahren“(Biennio nero) drängt sie dazu, über Brasilien nach Argentinien auszuwandern. Im Mai 1923 kommen sie an Bord des Dampfers Sofia mit ihrer Tochter in Buenos Aires an. In Ituzaingó, 16 Kilometer von der Stadt entfernt, lassen sie sich nieder und leben anfangs vom Kultivieren und Verkauf von Blumen. Severino findet bald Arbeit als Schriftsetzer in Morón und schließt sich rasch einer antifaschistischen und anarchistischen Gruppe an, die die Zeitung „ L` Avvenire“(Die Zukunft) herausgibt. Unter dem Pseudonym N. Donisvere erscheint sein erster Artikel am 1.April 1924 mit dem Titel „Delenda Carthogo“ „Zerstören wir Karthago. Das moderne Karthago, das der Reichen, der Priester und des Militärs! Dies soll der Ruf der Rebellen sein und das Motto für die soziale Revolution. Der Schrei des müden Herumirrenden, des Hungernden durch die Entbehrung aufgezehrt, mit dem Durst nach Gerechtigkeit, den der Gefallenen durch ihre genaue Kritik, schuldig der Rebellion.“

Severino stand der Gruppe um „La Antorcha(Die Fackel)“ näher als der FORA


In einer Zeit wo die Polizei Demonstrant*innen niederschoss und die Patriotische Liga Arbeiter*innenviertel plünderte, musste – ihrer Ansicht nach – mit Gewalt diesen Gewalten begegnet werden. Als sich „La Protesta“ und FORA weigerte, sich auch für Gefangene, die z.B. wegen Eigentumsdelikten (Enteignungen, Fälschungen etc.) einsaßen, zu unterstützen, war der Bruch komplett. Severino trat da schon in seinen Artikeln für Enteignungen und Banküberfälle als Finanzierung für weitere „direkte Aktion“ ein.

«Die Schönheit selbst liegt in der Vielfältigkeit der Aktivität.. Heute gründet das Individuum eine Zeitschrift, morgen macht es ein Buch, dann einen Artikel. Für die Ausführung dieser Projekte braucht es Mittel, und es enteignet jene, die unterdrückend und zu Unrecht besitzen. Dies ist das Individuum auf Kriegsfuss. Ein illegaler Bandit gegen legale Banditen.»

1925 lernt er América Josefina Scarfò kennen und lieben, die Schwester von Alejandro und Paulino Scarfo, die Weggefährten von Severino geworden waren.

Die Familie Scarfo, ebenfalls aus Italien eingewandert, war eine katholische Mittelschichtsfamilie, die sich lange gegen eine Verbindung ihrer 15jährigen Tochter mit einem (verheirateten) Mann sträubte --- America, nach außen wohl behütet, herausragende Schülerin der Mädchenschule „Estanislao Zeballos“ hatte bei den sechs Brüdern eine besondere Beziehung zu Alejandro, der ihr libertäre Lektüre gab und eines Tages Severino de Giovanni vorstellte.

América lebte nun bis zu dem Tod von Severino mit ihm zusammen. Sie starb am 26.August 2006 in Buenos Aires.

„Sie kritisieren unseren Altersunterschied. Nur weil ich 16 bin und Severino 26. Ah, diese Päpste des Anarchismus. Als wenn das Alter die Liebe stört. Als wenn ich nicht selbst die Verantwortung für meine Handlungen tragen könnte. Auf der anderen Seite ist es mein eigenes Recht wenn mir der Altersunterschied nichts bedeutet, was maßen sich andere an, darüber zu urteilen? Ich verschmähe alle, die nicht verstehen können, was Liebe bedeutet. Wahre Liebe ist rein. Sie ist die Sonne, deren Strahlen sie denen entgegenstreckt, die nicht allein in die Höhe klettern können. Die Liebe, das Leben ist etwas, was nur frei gelebt werden sollte.

Dies wünsch ich mir für alle wie auch für mich! Diese Freiheit zu handeln, zu lieben, zu denken. Diese Freiheit, die Anarchie, wünsche ich der ganzen Menschheit.“ (América Scarfo. 1928)


Ab 1830 wanderten viele Italiener*innen nach Argentinien aus, vor allem nach Buenos Aires. In den Jahren zwischen 1876 bis zum Ende des ersten Weltkrieges war es wohl fast 2 Millionen. Verstärkt wurde diese Einwanderung durch eine neue, sehr strikte Einwanderungspolitik in Nordamerika, die die meisten italienischen Einwander*innen diskriminierte und verfolgte. So bildete sich bis in die 20erJahre in den argentinischen Städten eine breite Mittelschicht.

Der italienische Botschafter in Buenos Aires, Luigi Aldrovandi Marescotti, Graf von irgendwas, wartete am 6.Juni 1925 im Theater Colon in Buenos Aires auf den argentinischen Präsidenten Alvear. Die italienische Gemeinde hatte sich in Prunk gehüllt, um den 25.Jahrestag der Thronbesteigung von Victor III. zu feiern. Für den Botschafter war das hier ein eigenes kleines Rom geworden – das Italien der Zukunft – hier zahlreich vor ihm, dem Stellvertreter Mussolinis – eine grosse Anzahl „ Scuadristas“ (Schwarzhemden), hohes Militär und diplomatisches Chor. Als die italienische Nationalhymne gespielt wurde, traten ihm Tränen in die Augen, das Blut pulsierte in den Venen der anwesenden Männer des Vaterlandes, hin und wieder ein kleiner Seufzer ihrer weiblichen Begleitung. Alles sang mit!

“Mörder! Diebe! Matteotti lebt“

Alle schauten nach oben, wo Flugblätter herunter segelten. Severino di Giovanni und andere warfen sie unter Rufen „Victor der Dritte würzt sein Essen mit dem Blut der von Mussolini ermordeten Antifaschisten“ in die aufgelöste Menge. Bei dem anschließenden Handgemenge mit den „Schwarzhemden“ wurden sie niedergeschlagen und anschließend von der Polizei festgenommen und inhaftiert.


Victor III. war mit der Situation in Italien nicht einverstanden. Wirtschaftlich und politisch ging es in eine Krise, Aufstände schürten die Angst vor dem Proletariat und seinen „linken Ideologen“. Bei dem Wunsch, die „Ehre Italiens“ wieder herzustellen, kam ihm Mussolini gerade recht. Es gab auch sonst nur wenig Widerstand gegen den wachsenden Faschismus in Italien. Die italienischen Kommunist*innen wandten sich gegen den bewaffneten Widerstand der „Arditi del Popolo“, die Sozialisten, obwohl einer ihrer führenden Leute, Giacomo Matteotti*, von den Schwarzhemden ermordet worden war, vereinbarten im Parlament einen Nichtangriffspakt.

  • Giacomo Matteotti, Abgeordneter der PSU (Partito Socialista Italiano), warnte am 30.Mai 1924 im Parlament in einer eindrucksvollen Rede vor den Faschisten in Italien. 11 Tage später wurde er von "Schwarzhemden" entführt und ermordet.

Severino – nach kurzem Gefängnisaufenthalt wieder frei – gründete daraufhin im August 1925 die Zeitschrift „Culmine“(Gipfel). Er schrieb die Artikel, setzte und druckte sie selbst.

„Wir müssen uns selbst bleiben – ohne die rote Tscheka und ohne die schwarze Tscheka, und ohne die pseudo-revolutionäre Politikerbande – uns selbst sein, Anarchisten aus Überzeugung, Anarchisten in Überzeugung, Anarchisten mit Überzeugung. Was die anderen betrifft: Genauso gut wie sie sich heute in dem Schmelztiegel aller Niederträchtigkeit ergötzen können und sie sich heute selbst als Antifaschisten bezeichnen, um sich einen größeren Anteil vom Erbe zu sichern, wenn der Faschismus stirbt, können sie morgen, wenn sie endlich am Hebel sitzen, ihrerseits eine andere faschistische Politik führen. Ohne uns mit diesem Wort anzustecken oder zu imitieren: Antifaschismus, ein Wort, das für uns einen Sinn enthält, der revolutionärer, erhabener und aufständischer ist. Mit ihnen – genauso wie mit den Faschisten – wird es niemals eine Versöhnung geben können. Auf gleiche Weise wie die Heerscharen des Totenkopfes von heute, sind sie Zuhälter gewesen, sie lebten in den Kulissen des Viminale(=heute das Innenministerium, Chif.) oder in den Kammern des Parlaments, während sie das Regime und seine Schandtaten guthießen oder unterstützten…

„An all jene, die dem Feind zusetzen wollen bis zum letzten Atemzug, schlagen wir, in Italien und sonstwo, eine autonome und verstreut angeordnete Guerilla vor, bestehend aus kleinen Einheiten, die schwieriger erreichbar und identifizierbar sind. Dass sich also in den verschiedenen Milieus und den verschiedenen Kreisen auf wenige Personen beschränkte Komitees oder Aktionsgruppen bilden.“ (CULMINE, 1926)


1920 waren in den USA die beiden Anarchisten Sacco und Vancetti festgenommen und des Mordes angeklagt worden. Severino di Giovanni engagiert sich stark an den Protesten, schreibt in „Culmine“ immer wieder ausführlich über die Entwicklung der Kampagne, forciert sie: „Protestiert, agiert weiter! Der Protest muss noch heftiger funkeln als zuvor. Kein Tag darf vergehen. Retten wir Sacco und Vancetti ! Denken wir an Sacco und Vancetti! Setzen wir dem Martyrium endlich ein Ende! Die italienischen Anarchisten sollten voran gehen. Nur die proletarische Aktion kann Sacco und Vancetti retten! Wir glauben nicht an die Gerechtigkeit, wenn sie nicht von uns selbst kommt. Fordern wir die Freiheit der beiden Anarchisten, an jedem Ort, in den Gruppen, den Gewerkschaften, in den Versammlungen, in der Stadt und auf dem Land. Heute oder nie ! Weil morgen kann es schon zu spät sein! Protestieren wir, protestieren wir. Sie fordern es von uns. Erinnert euch an ihren Ruf: „Arbeiter, seid gegrüßt! Es lebe die soziale Revolution." Am Sonntag, dem 16.Mai 1926 organisierte „La Antocha“ eine Solidaritätskundgebung für Sacco und Vancetti. Es war der Tag, als das Todesurteil offiziell verkündet wurde. 250 Menschen lauschten vielen Rednern, aber für Aufregung und spontanen Applaus sorgte Severino di Giovanni. Er sprach nicht viel, aber was er sagte, begeisterte vor allem die Jüngeren. „Mehr einzelne Aktionen seien nun angebracht“ und „Mehr Gewalt den Gewalten“. An diesem Tag begaben sich Severino und seine kleine Gruppe auf eine Reise, der jegliche Rückkehr ausschloss.

Kurz vor Mitternacht explodierte vor dem Eingang der US-Botschaft eine Bombe, die die gesamte Front komplett zerstörte. Severino tat alles, um den Verdacht auf sich zu lenken. Hatte er schon auf der Versammlung von entsprechenden Aktionen gesprochen, schrieb er nun in „Culmine“ unter dem Titel „ Auge und Auge mit dem Feind“: „Eine Bombe ist bei der US- Botschaft explodiert. Ein Signal, ein Zeichen des Kampfes, das Verbrechen gegen unsere beiden Genossen zu rächen.“ Und mit dem Titel „Alles ist verloren“: „Die Nachricht des Obersten Gerichtshofes ist eine Herausforderung der kapitalistischen Klasse und als solche werden wir sie aufnehmen. Passt auf ihr Henker.“

Severino wird mit einigen anderen Anarchisten verhaftet und fünf Tage von der Polizei verhört. Am 28. Mai beginnen die Festgenommenen mit einem Hungerstreik gegen die „Polizeiwillkür“. Nach fünf Tagen und „ohne einen Krümel Brot gegessen zu haben“, dafür aber mit einem Lächeln auf den Lippen, werden sie freigelassen. Noch am gleichen Tag wird Severino in „Culmine“ schreiben: “Dieses Lächeln der Verheißung ist für uns, die wir den erbitterten Kampf gegen die Tyrannei und alle Demütigungen aufgenommen haben. Vorwärts, vorwärts, auf daß wir erneut siegen werden.“

Obwohl die Beweise gegen Severino und die anderen nicht ausreichten, war der Polizeichef von Buenos Aires fest von der Tatbeteiligung Severinos überzeugt, er, der ihn die ganze Zeit bei den Verhören und der Folter immer nur mit Trotz und Verachtung angeschaut hatte.

Und ist auch bei den folgenden Aktionen, den Enteignungen und Anschlägen überzeugt, dass die Gruppe um Severino di Giovanni die Akteure sind. Bei dem Attentat gegen die City Bank, wo er wieder freigelassen werden musste, bei Bombenanschlägen gegen die Fordwerke, bei Dynamitattentaten auf Eisenbahnen, versuchter Gefangenenbefreiung – all dies und alles andere, was in dieser Zeit geschah, wurde von den offiziellen Behörden Severino di Giovanni und seiner Gruppe unterstellt – sie wurden so was wie „Superhelden“, die morgens Banken ausrauben, nachmittags Konsulate überfallen und abends Bomben an Botschaften legen und nachts sogar noch Anarchosyndikalisten und Redakteure der „La Protesta“ wie Emilio Lopez Arango erschießen – und dann auch noch Zeit haben, Artikel zu schreiben.

Vor allem Diego Abad de Santillán ( künftiger Wirtschaftsminister im Spanien von 36/37)) war derjenige, der den bis heute von Unbekannten begangenen Mord an Arango als Racheaktion von Severino d Giovanni gesehen haben will, weil sich Arango öffentlich gegen den „Terrorismus“ von „Anarchobanditen“ ausgesprochen habe. Santillan zweifelhafte Verdächtigungen und der schon bekannte Begriff „Anarchobanditen“ wurden Teil einer denunziatorischen Kampagne gegen die Gruppe um Severino di Giovanni.

„Anarchobanditen“ hatte die FORA schon 1921 die Gruppe „ Roter Rat“(Consejo rojo) genannt, die in bewaffneten Aktionen und Enteignungen gegen die Großgrundbesitzer in Patagonien kämpfte. Um die Verhandlungen mit diesen nicht zu gefährden, distanzierte sich die FORA um Antonio Soto offiziell von diesen „Banditen“, soll sogar Standorte des „Roten Rates“ an das Militär weitergegeben haben. Die Antwort der Landbesitzer und des Militärs war die Erschießung von 1500 streikenden Landarbeiter*innen und die Zerschlagung der Streikbewegungen in Patagonien.


Nun, 1928, entfalteten die Behörden in Buenos Aires durch das Bombenattentat gegen das italienische Konsulat und tiefer Verbundenheit zum Mussoliniregime eine flächendeckende Verfolgungsjagd, flankiert durch eine offene Kampagne der FORA nahen Zeitung „La Protesta“, die sich von „Banditen“, „Faschisten“ und „Terroristen, die den Anarchismus missbrauchen“ distanzierten und damit Severino di Giovanni und seine Gruppe meinten.

„Der Faschismus hat uns eine zur extremen und bestialischen Gewalt neigenden Denkweise gebracht zusammen mit einer unbeschreiblichen Feigheit Die Verbrechen des Faschismus haben alle diese Charakteristika: die Gewalt und die Feigheit. Zwischen einer revolutionären Tat und einer faschistischen Tat liegt der Abgrund, den es zwischen der Verantwortlichkeit und der Unverantwortlichkeit, zwischen dem Gewissen und der Barbarei gibt. Eine revolutionäre Tat ist voll von Menschlichkeit, immer imprägniert von Verantwortlichkeitsgefühlen Ein Wilckens setzt seinen Körper ein, um bei seiner Tat gegen Varela kein Kind zu verwunden. Also, vergleicht die Aktion von Wilckens gegenüber den Aktionen (in der City Bank) und dem italienischen Konsulat – und ihr werdet den Unterschied verstehen. Im ersten Fall gibt es Opfergeist, ein klares Ziel, ein Gewissen und eine Verantwortlichkeit, ein Held, ein Mann, der dem Ganzen ein Gesicht gibt. In der Bombe im Konsulat finden wir Unmenschlichkeit, Feigheit, Unverantwortlichkeit, Bestialität und damit reinen Faschismus.“ (La Protesta, 1928))

Bei soviel „edler Männlichkeit“ war das Feuer auf Severino und die Brüder Scarfó eröffnet.


Am 23. Mai 1928 betrat Severino di Giovanni das italienische Konsulat in Buenos Aires. An diesem Vormittag hatte der Botschafter sein Kommen angesagt. Für Severino die Gelegenheit, ein Zeichen zu setzen, würde die Tötung des Botschafters doch für das faschistische Regime in Italien ein großer Rückschlag bedeuten und die italienischen Antifaschist*innen ermuntern, ihrerseits zu ähnlichen Aktionen zu kommen. Aber es gelingt ihm nicht, zum Botschafter zugelassen zu werden, zumal erregte der große schwere Koffer, in dem er die Bombe versteckt hatte, mehr und mehr Aufsehen. Auch mit dem Wissen, dass er der Polizei bekannt ist, bricht er die Aktion ab, ein weniger bekannter Genosse übernimmt. Dieser verirrt sich jedoch in den Gängen so sehr, dass er aus Zeitnot den Koffer irgendwo in der Nähe des Eingangs abstellt.

Um 11.42 erschüttert eine riesige Explosion das Gebäude, neun Menschen sterben, 34 werden durch die Trümmer verletzt.

In den nächsten Tagen beginnt eine hektische Suche nach den Tätern. 400 Anarchist*innen werden verhaftet, das ganze Land redet nur von diesem Bombenanschlag, eine kalkulierte Hysterie wird entfacht, die die „La Protesta“ zur Denunzierung von Severino Di Giovanni und seiner Gruppe treibt.“…. In der Bombe im Konsulat finden wir Unmenschlichkeit, Feigheit, Unverantwortlichkeit, Bestialität und damit reinen Faschismus.“ „La Antorcha“ wird dagegen bemerken, dass der wahre Schuldige der italienische Faschismus ist, der mit seiner ständigen Gewalt ein ganzes Volk terrorisiert und von daher jede noch so heftige Reaktion möglich ist. Aber ihre Aussagen klingt zum ersten Mal nicht mehr so eindeutig wie zuvor: „Der Anarchismus ist nicht so. Er drückt sich nicht durch blinde oder verzweifelte Gewalt aus. Seine Gewalt ist defensiv und aufmerksam, weil er das Gefühl des Hasses auf die Unterdrückung mit einem Gefühl der Gerechtigkeit beleuchtet, dessen Licht seine Taten ausrichtet. Aber wir verstehen es, weil wir in der Lage sind, die gleiche Verzweiflung zu fühlen, die, vielleicht, die Bombe abgestellt hat sowie der Schmerz über die unschuldigen Opfer dieser verzweifelten Geste auch der unsere ist“

Die Grenze des bewaffneten Widerstands schien überschritten, die Guerilla schien sich zu verwandeln.

Severino di Giovanni und die anderen tauchen unter.

Am 24. 12. 1929 versuchte Gualterio Marinelli den wieder gewählten Präsidenten Hipolito Yrigoyen zu erschießen. Dieser blieb jedoch unverletzt, Marinelli wurde von der Leibwache erschlagen. Dieser Attentatsversuch rief in den anarchistischen Lagern vielfältige Reaktionen hervor. „La Protesta“ distanzierte sich in der bekannten Art und bemerkte etwas irritierend, dass ihnen „ Yrigoyen lebend wichtiger sei als tot“, weil er da hätte noch weiter Fehler machen können.

Anders Severino di Giovanni, der nun keine Gelegenheit zur öffentlichen oder mündlichen Propaganda mehr hatte, aber noch schreiben konnte. In „L`Adunata(Die Versammlung)“ lobte er Marinelli als „Anarchisten der neuen Ära“ und bezeichnete im gleichen Artikel Yrigoyen als „Caudillo“, also Heerführer .


„Wenn Argentinien das Land des „Caudillisimo“ ist, dann erscheint mir Yrigoyen als der Prototyp: eine schändliche Mischung aus Schlägertyp und Mafiosi. Charakterisiert durch eine völlige Abwesenheit von Mut und persönlicher Ehre…. 60 Jahre lang ein Leben mit dunklen Manövern und Intrigen, in seiner ersten Amtszeit mit grausamen und blutigen Entscheidungen, von seinen Schreiberlingen als „Vater der Armen“ propagiert…. ´Nun also wieder an der Macht, ` bemerkt er weiter, ´mag er auch Haare gelassen haben so ginge doch die Niederschlagung der Opposition weiter und mit der Ermordung von Carlos Washington Lencinas (Senator in Mendoza und Gegenspieler von Yrigoyen, Chif.) sogar durch das direkte Mandat des „Caudillo“ `

Yrigoyen galt vor allem beim liberalen Bürgertum als „Reformer“ und „Vater der Nation und der Arbeiter“, hatte er doch einige (alte) Forderungen der Gewerkschaften erfüllt und den meisten (vor allem in Städten und da den Mittelschichten) eine höhere Lebensqualität „beschert“. Aber mit dem gleichen Machtinstinkt ließ er dann schon mal seine Bluthunde los, um die trotzigen und weiter protestierenden Landarbeiter niedermetzeln zu lassen – ob dies „La Protesta“ mit den „Fehlern“ gemeint hatte!?

Aber Severino hatte in dieser Phase andere Sorgen. Da war zum einen Alejandro Scarfò, Weggefährte und Lieblingsbruder von America Scarfò, festgenommen und die psychiatrische Anstalt „Vieytes“* gesperrt worden.

Trotz einiger weniger Verbesserungen 1913 (vor allem in der Erweiterung von Räumen) war die Situation der in psychiatrische Anstalten und Asyle Eingewiesenen in diesen Jahren nicht besser geworden. Hier galt immer noch der Grundsatz „ Fasten, Stöcke, Duschen“ also: „Hungern, geschlagen und abgespritzt werden“ und die von Foucault beschriebenen menschenverachtenden Zustände in der französischen Psychiatrie ähnelten frappierend denen in Argentinien. „Mit ihrem Kot, scheinbar Hunden gleich, schreiben sie dennoch Zeichen ihrer letzten Würde. Überlegen ihren Wärtern“

Zum anderen fanden sich aber für Severino und America keine Möglichkeiten mehr, sich zu treffen. Es blieben die Briefe zwischen den beiden. „Meine süsse Hoffnug: ich habe dich gesucht, habe an dich gedacht, du warst mein einziger Gedanke. Ich habe dich aber nicht treffen können. Du warst weit weg von meinem Sturm. Vielleicht hast du glücklich durch unsere Liebe gelacht, Ignorantin meines Schmerzes. Aber ich lachte nicht, konnte nicht lachen(aber hab an dich gedacht, natürlich),.“

Und er wendet sich an die Anarchist*innen in anderen Ländern, korrespondiert mit vielen libertären Gruppen, diskutiert und erläutert in seiner neuen Zeitung „Anarchia“(die er durch einen Bankraub finanziert hatte), sucht die Annäherung. So findet er bei denen Unterstützung, die direkt oder nahe genug am täglichen faschistischen Terror in Italien sind, die vom „Aufbegehren, der Konspiration, der notwendigen Untergrundarbeit“ reden, um gegen den Feind die gleichen Mittel anzuwenden, die er gegen die Widerständler*innen einsetzt.

Der Konflikt mit „La Protesta“ und der FORA bleibt und verschärft sich noch mehr, als die FORA mit Präsident Irigoyen, um die Freilassung von Simon Radowitzky zu erreichen, einen Deal macht. Die Begnadigung Radowitzkys gegen die Beendigung von Streiks.

Die Sympathie für die Taten von Severino di Giovanni nahmen zu --- es bildeten sich weitere Gruppen, die sich auf das Konzept der „Enteignungen“ fokussierten. Fast schon selbstverständlich dazu mit der immer spektakulärer werdenden Reaktion von „La Protesta“ und vor allem von dem schon sattsam bekannten Diego Abad de Santillán: „ Es ist besser einem gewöhnlichen Verbrecher zu helfen als einem „enteignenden“ Anarchisten“. Und er billigte alle Methoden, um gegen diesen „Krebs“ ( gemeint sind die enteignenden Anarchist*innen) vorzugehen ---- Was er im einzelnen mit „allen Methoden“ meinte, der Militärputsch von General Uriburu am 8.September 1930 beendete alle weiteren Spekulationen.

Die „Patriotische Liga Argentiniens“ hatte sich 1919 gegründet um die sich radikalisierende Streikbewegung niederzuschlagen. Ihre Angriffe galten neben den Streikenden vor allem Einwanderen und Syndikalisten. Bei dem Massaker 1922 in Patagonien spielten sie eine herausragende Rolle. Und mit ihnen putschte sich nun Jose Felix Uriburu an die Macht. Gewerkschaften wurden verboten, die Anarchist*innen, die nicht untertauchen konnten, wurden verhaftet, die italienischen an das Regime Mussolini ausgeliefert, andere nach Feuerland deportiert.

Severino di Giovanni blieb im Untergrund. In seiner Druckerei in Burzaco (23 Km von Buenos Aires)begann er mit den Werken von Elisee Reclus, in seiner Zeitung „Anarchia“ rief er zum Widerstand gegen die Diktatur auf. Am 2.Oktober 1930 raubt die Gruppe um Severino Gelder aus den „Obras Sanitarias de la Nación“(so was wie die Wasserwerke). 286.000 Pesos sind der bis dato grösste Betrag, der in Argentinien „umverteilt“ worden war. Es begann eine intensive Repressions –und Verfolgungsarbeit der Putschisten, gegen diese „Schmach“. Im Januar 1931 wird ein Freund und Mitstreiter Severinos, Mario Cortucci, festgenommen. Nachdem er lange der Folter widerstanden hatte, brach er am zehnten Tag zusammen und nannte den Aufenthaltsort von Severino in Burzaco.

Am Donnerstag, dem 29. Januar 1931, wird Severino dort beim Verlassen seiner Druckerei eingekreist und festgenommen. Es gelingt ihm allerdings erst einmal zu flüchten. Die anschliessende Verfolgungsjagd hätte ein Filmkrimi nicht besser umsetzen können. 50 Polizisten verfolgten ihn durch die Strassen von Buenos Aires. Feuerten von Dächern, in Gassen, töteten dabei ein fünfzehnjähriges Mädchen. Severino schafft es noch in eine Garage. Um der Folter zu entgehen, versucht er sich mit Schüssen in die Brust, selbst zu töten. Notdürftig verbunden, wird er unter Schlägen zum Hauptquartier verbracht.

Am gleichen Tag wird sein Mitstreiter und enger Freund, der Bruder seiner geliebten, Paulino Scarfó ebenfalls verhaftet. Beide werden mit einer Zange die Hoden zerdrückt, die Zunge verdreht, bei Beschimpfungen und verbalen Demütigungen mit Eisenstangen geschlagen.


In einem Schnellverfahren werden beide zum Tode verurteilt.

Severino di Giovanni wird am 1.Februar 1931, überall in Ketten und halb sitzend, mit 8 Schüssen hingerichtet. Einen Tag später Paulino – auch er unter den Rufen „ Es lebe die Anarchie“.

Hastig und heimlich wird Severino im Chacarita Friedhof verscharrt. Als sich am nächsten Tag frische Rosen auf seinem Grab finden, wird er ausgegraben und in ein Massengrab „versteckt“. Aber auch hier folgten ihm die roten Rosen – Tag für Tag, Monat für Monat.

“Es tut weh/ darüber zu sprechen/in meinem Hals ein Wirbeln/ ein geräuschloses Ersticken/alle Wörter durch ein Schluchzen erstickt/ Dieses Gesicht / das sich im glühenden Schleier der Liebe/durch die dicken Eisen abzeichnet/ mit diesen furchtlosen, verächtlichen Schweigen/dieser Verachtung für das Leben/ und die Fesseln/Kein Murmeln, kein Wimmern/keine vereinzelte Träne in seinen Augen/ Als die Ordnung kommt/ um „zu schiessen“/endlich eine zitternde Begeisterung/lässt seine Brust anschwellen/in dem Schrei /“Viva la Anarquia“/Und die aufgehende Sonne/ trunken von seinem Schrei/ umarmt ihn überschwänglich/ Oh Freiheit/ Ist je ein treuerer Liebhaber in deinen Armen gestorben?….“(Virgilia D´Andrea).


Das weitere Schicksal der Gefährten:

Aldo Aguzzi, Redakteur von „La Antorcha“ , der immer wieder Severino verteidigt hatte, kämpfte an der Seite der Anarchist*innen in Spanien, nach der Niederschlagung der Revolution kehrt er nach Argentinien zurück, wo er 1941 den Freitod wählt.


Nicola Recchi,, der „Theoretiker“ der Gruppe um Severino di Giovanni und Inspirator der Enteignungsaktionen, wird von dem argentinischen Militär festgenommen und vergeblich gefoltert. Seine rechte Hand anschliessend zu blutigem Brei geschlagen. Er verschwindet im Schatten der Stadt und soll 1987 in Buenos Aires gestorben sein.

Jorge Tamayo Gavilán, der „Chilene“, wird unter nie geklärten Umständen von der Polizei in einem Hotel im Juli 1931 erschossen. Er hatte mit vier anderen im Juni bei einem Festdinner den argentinischen Polizeichef José Rosasco beim Dessert erschossen, als Rache für den Tod Severinos und den Folterungen an Anarchisten.

Komplett mit Bild und Ton hier:

http://digitalresist.blogspot.de/2013/08/anarchobanditen-und-anarchistische.html