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Lutz Schulenburg

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Lutz Schulenburg (* 21. April 1953 in Hamburg-Bergedorf; † 1. Mai 2013 in Plau am See) war ein deutscher anarchistischer Verleger und Mitbegründer der Edition Nautilus.

Geboren 1953 in Hamburg Bergedorf; aufgewachsen, als zweites von drei Kindern, in einer Arbeiterfamilie. Glückliche Kindheit in den Straßen, den Schrottplätzen und Brachflächen der Vorstadt. Als leistungsschwacher Schüler die Pädagogik-Anstalt als düsteren Ort autoritärer Demütigung erlebt. Ab Mitte 1968 aktiv in der örtlichen sozialistischen Schülergruppe (AUSS) und der APOGruppe Bergedorf (Demokratisches Zentrum). Lernte dort neben vielen wunderbaren (+ wunderlichen) Menschen im »AK Reproduktion« die spätere Krimi-Autorin Doris Gercke kennen. Ende 1969, beim Versuch, nach Kuba zu kommen, in München gestrandet. Einige Wochen im linken Milieu unterwegs, unter Trebegängern, Gammlern, Ausreißern aus Heimen, rebellischen Schülern usw. Mit Hilfsjobs über Wasser gehalten (Verkauf der Abendzeitung, Hilfsarbeit auf einen Schrottplatz und in einer Wäscherei). Nach einer großen Polizeirazzia als »Streunender Jugendlicher« kurzzeitig in »Stadelheim« und dem Jugendarrest »Schwere Reiterstraße«. Rückführung in die »Elterliche Obhut«. Entlassung aus der Schule wg. »unentschuldigter Abwesenheit«. Beginn einer Lehre als Dekorateur. Seit der Lehrzeit aktiv in der anarchistischen Bewegung; als gewerkschaftlicher Jugendvertreter wg. anarchistischer Umtriebe unter den Mitgliedern des Ortsverbandes und im Zuge der Agitation unter den Lehrlingen verschiedener Hamburger Kaufhäuser. Ausschluss aus der Gewerkschaft durch die gewerkschaftliche Bürokratie. Kriegsdienstverweigerung, Anerkennung erst nach förmlicher Gerichtsverhandlung; Ableistung des Zwangsdienstes im Sozialamt Hamburg-Barmbek. Vorzeitige Entlassung wg. Leistungs-Sabotage. 1971: Zusammen mit Pierre Gallissaires Gründung einer anarchistischen Theorie-Zeitschrift (»MAD – Materialien, Dokumente, Analysen«); später umbenannt in »Revolte!«, in der Zeitschrift schrieb er unter dem Pseudonym 'Attila Eisenherz'. Als Mitglied der deutschsprachigen Delegation zum »Anarchistischen Weltkongress« 1971 in Paris (zugleich Erinnerung an 100 Jahre Commune, 50 Jahre Kronstadt). Anschließend Teilnahme mit Hamburger Genossen an der Kampagne für »Freie Strände« in Südfrankreich, Kollektive Ausweisung durch den regionalen Präfekten. Nach Genf ins CIRA (Centre international de recherche sur l’anarchisme). 1972 /1973: Nach Hilfsjob bei der Post eine zweite »Lehrzeit« in Sachen Verlag-Buchhandel im »Spartakus Buchvertrieb« / Association Verlag, in Hamburg, im Keller unter dem Abaton-Kino. Ab 1972 dank des Hinzukommens von Hanna Mittelstädt Beginn der Buchproduktion; zunächst als MAD-Verlag, ab 1976 Umbenennung des Verlags (aus juristischen Gründen) in Edition Nautilus. Seither als Verleger und Herausgeber (u.a. Zeitschrift »Die Aktion«) in Hamburg tätig. 2009 Umzug von Verlag und Wohnung von Bergedorf nach Bahrenfeld in Hamburg-Altona.

Ein Zitat von Lutz Schulenburg aus einem Interview von 1999 mit der Zeitschrift 'Revolution Times': "Da der Mensch in der kapitalistischen Welt durch die ideologische und ökonomische Ausbeutung erniedrigt wird, muss ein Denken, das sich als revolutionär versteht, die Menschen ermutigen, ihr Selbstbewußtsein anregen und sie so zu einer Praxis befähigen, in der gleichermaßen positive Ziele wie Verhaltensweisen dominieren. Die Revolution, die wir alle wünschen, muss eine lustvolle Angelegenheiten sein, die alle einschließt."

Verlag Edition Nautilus[edit]

Am 1. April 2009 feierte die Edition Nautilus - Verlag Lutz Schulenburg - Geburtstag: 35 Jahre beweglich im Büchermeer – und noch nicht ein Mal untergegangen. Jahrzehntelang gelang das ohne finanzielle Absicherung, während vieler kleineren und größeren Krisen. Seit dem überraschenden Erfolg mit dem Krimi-Debüt »Tannöd« von Andrea Maria Schenkel engagieren wir uns nicht weniger, aber entspannter, um aus dem Meer an Manuskripten und Ideen immer wieder Perlen herauszufischen.

Ãœber ihr politisches Engagement sind Hanna Mittelstädt, Lutz Schulenburg und Pierre Gallissaires vor mehr als 30 Jahren mehr zufällig als absichtsvoll in die Verlegerei hineingerutscht: zunächst durch die Herausgabe einer Zeitschrift und diverser Flugschriften unter dem Label »MAD-Verlag, Materialien, Analysen, Dokumente«, der sich nach einer Klage des gleichnamigen Satireblatts in Edition Nautilus umbenannte. »Ein Gedicht kann genauso revolutionär sein wie ein theoretischer Text.« Getreu dieser Devise wurden neben Schriften der Anarchisten und Situationisten auch solche der Dadaisten und Surrealisten veröffentlicht.

Bald fanden auch die ersten Autobiografien, u.a. von Jacques Mesrine, Charles Mingus, Billie Holiday und Franz Jung, sowie unerschrockene Prosa junger Autoren wie Franz Dobler, Ingvar Ambjørnsen, Anna Rheinsberg und Sean McGuffin Eingang ins Programm. Parallel dazu wurde die Werkausgabe von Franz Jung in Angriff genommen und 1997, nach 16 Jahren und zwölf Bänden, vollendet. Diese förderungsfreie Edition ging sehr zu Lasten der Verlagsökonomie aus, die in der Edition Nautilus stets um einige wenige Verkaufserfolge herum organisiert werden muss, etliche Jahre lang etwa um den zweisprachigen Silvester-Dauerbrenner »Dinner for one«, der inzwischen neben dem Original in sechs regionalen Bearbeitungen lieferbar ist. Nicht ganz so erfolgreich, aber ebenso unverzichtbar ist »Die Aktion«, eine der letzten streitbaren Zeitschriften für Politik, Literatur und Kunst.

Als »gut gelaunt und ein bisschen anarchistisch« charakterisierte der Reporter des Bergedorfer Wochenblatts das Verlagskollektiv, das nach der Veröffentlichung dreier Bücher von Karl-Eduard von Schnitzler plötzlich auch der Lokalpresse ein Porträt wert war. Diese absichtsvolle programmatische Grenzverletzung, keineswegs die erste im Lauf der Verlagsgeschichte, ermöglichte u.a. die Herausgabe von Abel Paz’ großer Durruti-Biografie.

Ein erfreulich zahlreiches Lesepublikum eroberten auch die Bücher von Wiglaf Droste, Subcomandante Marcos, Inge Viett, Paco Ignacio Taibo II, vor allem seine Che-Guevara-Biografie, sowie einige Titel aus der »Kleinen Bücherei für Hand und Kopf«, inzwischen auf 60 Bände angewachsen, etwa die Grotesken von Kurt Schwitters oder die Aphorismen von Francis Picabia. Dessen Aphorismus »Unser Kopf ist rund, damit das Denken die Richtung wechseln kann« gibt nach wie vor ein zuverlässiges Verlagsmotto ab. Im März 2004 wurde der Edition Nautilus auf der Leipziger Buchmesse der Kurt-Wolff-Preis überreicht. Sie wurde damit für ihr anspruchsvolles literarisches Programm, für ihre Künstlerbiografien und die Herausgabe der Franz Jung Werke geehrt. Der Verlag erhielt für sein außergewöhnliches Programm außerdem zweimal den Verlagspreis der Freien und Hansestadt Hamburg (Kulturbehörde) 1993 und 2002.

In einem ihrer Leselotsen durch das Verlagsprogramm der Edition Nautilus, formulierte Lutz Schulenburg ihr "Basis-Programm" andere Revolutionäre rekapitulierend, wie folgt: "I. Die Unterernährung der politischen Phantasie muß aufhören. II. Wir haben einfach Öl hingebracht, wo Feuer war. III. Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten an der Idee des Glücks. IV. Ich nehme meine Wünsche für die Wirklichkeit. V. Wir sind Männer und Frauen, die verändern und sich selbst verändern wollen. VI. Damit das Leben schön ist, muß es vollständig sein. VII. Wir haben nur den Boden bereitet, den Funken der Revolte, die Notwendigkeit, sich zu rühren... VIII. Eine Association worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. IX. Die Welt verändern, hat Marx gesagt; das Leben ändern, hat Rimbaud gesagt: Diese beiden Losungen sind für uns eine einzige. X. Ich war, ich bin, ich werde sein!"

Im neuen Jahrtausend konnte das Nautilus-Programm die Folge der Roten Ziegel um zwei Kompendien der Basisbewegungen erweitern: »Wir sind überall – weltweit. unwiderstehlich.antikapitalistisch« und den berühmten Wälzer von Horst Stowasser »Anarchie«. (Stowassers Buch war auf Platz 1 der Sachbuchliste von Süddeutsche Zeitung, NDR Kultur und NDR Info im Juni 2007. Mit Michael Warschawski und Mahmood Mamdani holte die Edition Nautilus zwei hochkarätige internationale Kritiker an Bord. Beiträge zur Zeitgeschichte der BRD liefern u.a. die Zeugnisse ehemaliger Protagonisten des bewaffneten Kampfes: Karl-Heinz Dellwo, Inge Viett, Gabriele Rollnik.

Die Krimisparte des Programms wurde einst begründet mit der »Schwarzen Trilogie« Léo Malets und dann durch Ingvar Ambjørnsen und Robert Brack vielseitig fortgesetzt. Vor einigen Jahren startete die handliche Kleinformatreihe Kaliber .64, in der namenhafte Autoren wie Friedrich Ani, Frank Göhre, Susanne Mischke und andere Kleinode des Genres präsentieren. Und ein Krimi war es auch, der dem Verlag dann seinen zahlenmäßig bisher größten Erfolg einbrachte.

Eines Tages bot Andrea Maria Schenkel ihr Manuskript »Tannöd« zur Publikation an. Der Krimi überzeugte das Verlagsteam, wurde kostendeckend kalkuliert und erschien im Februar 2006 in einer Auflage von 2800 Exemplaren. Das Risiko sollte gering bleiben, schließlich hatte noch nie jemand etwas von der Autorin gehört. Das sollte sich schnell ändern. Das Krimidebüt von Andrea Maria Schenkel zog weite Kreise, und ein Jahr nach der Veröffentlichung landete es auf der Spiegelbestseller-Liste, wo es wochenlang Platz 1 besetzte, bis ihr zweiter Krimi, »Kalteis«, ihn auf Platz 2 verdrängte. Für beide Krimis wurde sie mehrfach ausgezeichnet, und »Tannöd« wurde in mehr als 20 Sprachen übersetzt. Durch diesen fast märchenhaften Erfolg konnte das inzwischen gewachsene Verlagsteam aus den drei Büroräumen über einer Einkaufspassage in der Bergedorfer Fußgängerzone in ein ehemaliges Fabrikgebäude in Hamburg-Bahrenfeld ziehen. Hier werden jetzt die Autoren Abbas Khider, Jochen Schimmang und Ingvar Ambjørnsen gepflegt, das Flugschriftenformat widmet sich internationalen Themen zur gesellschaftlichen Krise (Paul Mattick, Boris Kagarlitzki, Raoul Vaneigem, Hans-Christian Dany …).

"Das ist etwas, was für mich sehr wichtig ist, dass man zeigt: Es gibt andere Wege, andere Möglichkeiten, eine andere Praxis, eine andere Lebensform. Und das sollte sich auch in den Flugschriften niederschlagen. Es sollte mehr etwas sein, was anregt, als nur so bestätigt", Lutz Schulenburg im "Büchermarkt", Deutschlandfunk.

Erfolgreiche Kreise zogen die Bücher »Fleischmarkt« von Laurie Penny und »Pussy Riot!« mit Texten der gleichnamigen Punk-Band, und besonders kontrovers diskutiert wurde »Der Kommende Aufstand« des Unsichtbaren Komitees. Die aktuell wichtigsten Krimiautoren sind Matthias Wittekindt mit »Schneeschwestern« und »Marmormänner« sowie Robert Brack mit seiner Trilogie über die Journalistin Klara Schindler, deren letzter Ermittlungsauftrag die Aufklärung des Reichtagsbrands in Berlin 1933 war.

Die Edition Nautilus war und ist ein Gemeinschaftswerk, besonders von Lutz Schulenburg und Hanna Mittelstädt, aber auch von allen, die an der Ausgestaltung mitgearbeitet haben. Die Edition Nautilus war immer ein "offenes Haus" gewesen und hat sich mit allen, die darin mitgearbeitet haben, weiter entwickelt und das Haus weiter gebaut! Lutz war ein begnadeter Frontmann für den Verlag, ein leidenschaftlich Diskutierender, intellektuell und emotional, er war von extremer Intensität und Kreativität. Die Selbstaneignung all seiner Fähigkeiten und Potenzen war eine ungeheure Stärke, seine Vitalität war bis zum Schluss ungebrochen - so schien es. Bis zum schwärzesten Tag in der Verlagsgeschichte, dem 1. Mai 2013, seinem unerwarteten Tod. Er hat viel hinterlassen, sein eigenes Werk und das der Autorinnen und Autoren, seine Anregungen, seine Ideen, seine Art zu leben. Wir ehren ihn durch die Auseinandersetzung mit all dem, was er hinterlassen hat, und es ist eine fast unerschöpfliche Quelle, um sich daran zu erfreuen und zu bereichern.

Lutz Schulenberg verstarb an den Folgen einer Hirnblutung, die er rund sechs Wochen (16.03) vor seinem Tod während der Leipziger Buchmesse erlitten hatte. Er wurde am 17. Mai beerdigt und ist auf einem Friedhof in Hamburg-Diebsteich begraben. Es waren rund 200 Personen anwesend.

"Die Zeitschrift Die Aktion (Nautilus) war Lutz Projekt, auch wenn viele mitgearbeitet haben. Nach seinem Tod stellen wir dieses Projekt ein und veröffentlichen diese letzte Ausgabe zu seinem Gedenken mit Erinnerungen an ihn als Initiator, Anreger, Analytiker, Polemiker und leidenschaftlichen Aufspürer von großen und kleinen, gradlinigen und abgelegenen Elementen unseres Verständnisses der Sozialen Emanzipation und des individuellen Reichtums in den Begriffen und Vorstellungen, wie wir sie gemeinsam seit den 1970er Jahren entwickelt haben. Die Edition Nautilus wird in unserem gemeinsamen Sinne fortgeführt, aber "Die Aktion" bleibt für uns restliche Nautilusse ganz Lutz´ Projekt. Lutz wird noch lange in uns allen nachwirken, ein Abglanz seiner Präsenz ist in den versammelten Texten zu sehen. Wir vermissen ihn sehr, seine Anregungen aber bleiben greifbar, seine Spur leuchtet hell", so die Verlegerin und Lebensgefährtin Hanna Mittelstädt in der letzten Ausgabe Nr. 220 von "Die Aktion".

Die Edition Nautilus segelt weiter ohne Lutz (und mit ihm) durch das Büchermeer. Der Verlag wurde noch 2013 in eine GmbH umgewandelt, an der alle Mitarbeiter, die das wollten, beteiligt sind. 2014 feiert die Edition Nautilus ihr 40-jähriges Jubiläum.

Literatur:[edit]

Sekundärliteratur[edit]

  • Bernd Drücke: "Ja! Anarchismus! Gelebte Utopie im 21 Jahrhundert. 20 Interviews und Gespräche". Berlin 2006, ISBN 3879563071. (darin: Subversive Kopffüßler? Ein Interview mit Hanna Mittelstädt und Lutz Schulenburg zum dreißigsten Geburtstag der Edition Nautilus). Siehe hier:http://www.graswurzel.net/292/nautilus.shtml

Weblinks[edit]

siehe auch[edit]

Kategorie:AnarchistInnen