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User:Rauschgoldbengel:Warum Anarchismus

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Wie ich Anarchist wurde und wie ich bemerkte, dass ich bereits einer war

--rauschgoldbengel

Es war ein schöner Frühlingstag zu Anfang der siebziger Jahre, da machte ich meiner Mutter zum ersten mal viel Arbeit: Ich kam zur Welt.

Die Neugier, die Wissenschaft und die Moral

Für sich genommen noch nichts besonderes, war ich in dieser Frühphase meines Lebens ein rundum gewöhnlicher Säugling doch bald sollten meine Eltern mitbekommen, was sie an mir hatten: Nicht nur, dass ich mit einem Jahr der ganzen Familie die Windpocken zu Weihnachten schenkte oder man mir mit zwei Jahren schon mal das Leben retten musste, nein, kaum dass ich der Sprache mächtig war (und das war bei mir sehr früh), benutzte ich selbige, um meine Eltern und andere Erwachsene zu löchern – ich wollte alles wissen! Schlimmer noch: Theorie ist schön aber grau und Begreifen kommt von Greifen und so erkundete ich die Welt auf eigene Faust. Licht- und andere Schalter wurden zum Leidwesen meiner Eltern (die mich davon ohne großen Erfolg abzuhalten versuchten) ausprobiert, bis sie mich langweilten, da ich sie auswendig kannte, und meinem Erkundungsdrang fiel auch schon mal ein Schallplattenspieler zum Opfer.

Besonders anstrengend fanden meine Eltern vielleicht meinen Eigensinn: Ich empfand Einschränkungen meines Handlungsspielraumes grundsätzlich als Schikane, wenn ich nicht genau wusste, wozu sie gut waren, insbesondere, wenn sie nicht für alle galten (sondern nur etwa für kleine Kinder wie mich). Durfte ich Dinge nicht tun, tat ich sie halt im Verborgenen: Mein Vater verbot mir, den Schallplattenspieler anzurühren, da er meinte, ich sei zu jung dafür. Ich wollte nur ausprobieren, wie er funktioniert – doch leider war er zu schwer für meine Hände und die Folgen sind genannt...

Meine Eltern pflegen jedoch einen insgesamt gleichberechtigten Umgang mit ihren Kindern. Sie erklärten mir die Verhaltensnormen und so lernte ich früh, dass hinter gesellschaftlichen Regeln auch Gründe zu finden sind, weshalb sie existieren. Die Frage nach den Gründen hinter den Regeln und nach den Gründen hinter den Gründen wurde mir so zum Programm.

Als Kind war ich ein tiefgläubiger Christ. Zwei meiner Schwestern nahmen mich mit zu Gemeindeveranstaltungen und Bibelkreisen mit, wo ich bewegende Glaubenserlebnisse hatte. Zugleich faszinierten mich die Wissenschaften, insbesondere die Astronomie und die Physik, über die ich mich mit meinem Vater besonders gut unterhalten konnte. Dann kam ich in die Pubertät, wurde konfirmiert und kurz darauf Atheist.

Als Jugendlicher litt ich an der Liebe, der Welt und aller Ungerechtigkeit des Universums gleichzeitig. Ich war ein glühender Eiferer, der den Menschen predigte, sich zu bessern. Und ich fragte mich, warum der allmächtige, allwissende und allgütige Gott all dieses Leid zuließ und der Welt die Grausamkeiten der Apokalypse zudachte. Und meine Schwestern lehrten mich, man müsse die Bibel wörtlich nehmen. Dazu kam noch, dass sie sich nicht mit Evolutionstheorie, Geologie, Astronomie und anderen Wissenschaften vertrug, nach denen die Erde und der Kosmos ein Milliardenalter hatten, verglichen mit dem biblischen Weltalter von Jahrtausenden. Ich war in einem Dilemma – und entschied mich für die Seite der Wissenschaft: Lag sie falsch, müsste sie früher oder später mit ihren eigenen Methoden widerlegt werden können, während das biblische Weltbild sich gegen diese Prüfung verschloss. Der Stein war im Rollen und eines nachts auf der Konfirmantenfreizeit wurde er zum Erdrutsch. Vor mich hin grübelnd ging ich die Konsequenzen durch, die es hatte, wenn die Wissenschaft richtig und die Bibel falsch lag. Dann war der Mensch ein Naturprodukt und sein Verhalten eine Folge von Naturgesetzen. Gab es aber keinen Gott hinter dem Lauf der Welt, keinen Gott über der Welt, dann gab es auch keinen Grund für Moral, denn der Grund war ja Gott, doch Gott war fort.

Mir wurde schwindlig; der erste Schluck aus dem Glase des Atheismus war bitter, doch ich beschloss, das ganze Glas wie eine Medizin auszutrinken. Ich musste. Ich wollte ja alles wissen.

Ich kannte Atheisten, die mich zu missionieren versuchten. Doch mir ging auf, dass sie keinen Grund dafür hatten, denn welche Moral wies sie dazu an, es zu tun? Nicht-Moral war unmittelbar logisch. Jedoch wies mich die Nicht-Moral auch nicht dazu an, die Nicht-Moral zu missionieren. Plötzlich hatte ich es in den Händen, was ich anderen weitergebe. Die Nicht-Moral wies mich nicht mal an, nicht an Gott zu glauben. Doch ich stellte fest, dass ich das Leid der Welt und das eigene leichter ertragen konnte, wenn es Folge von Naturgesetzen war und nicht von einem allmächtigen Gott zugelassen. Ich wollte nicht mehr zurück. Angefangen bei Biologie und Astronomie wurde mein ganzes gottloses Weltbild dann von anderen Wissenschaften gefestigt; Verhaltensforschung, Selbstorganisation und Chaostheorie spielten dabei eine wichtige Rolle.

Zoon politikon

Doch halt! Ich will noch mal einen Schritt zurück gehen. Ich war schon sehr früh politisch. Mich ärgerte die Umweltverschmutzung, ich freute mich mit den ersten Grünen im Bundestag, ärgerte mich vom Amtsantritt an über Kanzler Kohl und war schockiert über die hungernden Kinder in Äthiopien. Meine Mutter meinte zwar ich würde mich an derartige Bilder gewöhnen aber ich war der Ansicht, dass es unmenschlich sei, vor dem Leid in der Welt abzustumpfen. Noch vor nicht all zu langem meinte eine Bekannte, etwas jünger als meine Eltern, sie hätte früher auch mal Ideale gehabt aber sei nun realistisch geworden und dort hin werde ich auch noch kommen. Aber ich wusste genau: Diesen nur noch auf das eigene Wohl orientierten „Realismus“ will ich nicht. Ich würde keine Ideale verlieren, sondern nur meine eigentlichen Daseinsmotive mit Zynismus betäuben. Ich hatte einfach keine Lust, noch ein normales, normiertes Leben mehr zu führen, denn dafür hätte ich nicht zur Welt kommen müssen. Lieber wollte ich jeden Tag von neuem scheitern, die Welt zu verbessern, als ihre Verderbnis süßbitter zu beklagen, ohne es auch nur versucht zu haben.

Ich verfolgte also Politik seit dem Ende der siebziger Jahre, verfolgte, welche Parteien und welche Politiker welche Politik machten (Politikerinnen waren damals noch seltener als heute) und fieberte dem Tag entgegen, da auch ich wählen gehen konnte und träumte auch davon, selbst in die Politik zu gehen und vielleicht eine eigene Partei zu gründen, mit den besten Köpfen, um die beste Politik zu machen. Unter allen realen Parteien favorisierte ich die Grünen, da sie von den mir wichtigen Themen (Umweltschutz, Frieden, soziale Gerechtigkeit) die meisten im Programm hatten. Naja, auch nicht alles, was Linie grüner Politik war, war mir auch recht aber die Anderen waren nicht besser – und die wurden dauernd gewählt; wie ich mich ärgerte!

Als ich dann wählen durfte, flogen sie aus dem Bundestag. Als sie dann an die Regierung kamen, trat ich ihnen bei und erlebte, wie sie immer weniger das waren, wofür ich sie gewählt hatte. Da spricht nun also ein Bütikofer von der Notwendigkeit des Wirtschaftswachstums, doch wohin sollen wir wachsen, wenn wir alle Tage wachsen sollen? Das kann nicht die Lösung der Probleme sein, es ist ein Teil des Problems! Da organisiert mein lokaler Jugendverband Musikfestivals und gibt schlecht recherchierte Anträge an die Partei zur Entscheidung weiter, anstatt sich um die eigentlichen Probleme dieser Welt zu kümmern. Inzwischen wundert mich kaum noch, dass es so wenig Kontakt zur Umwelt- und Naturschutzbewegung gibt und die Partei im wesentlichen um sich selbst kreist. Heute würde ich keiner Partei mehr beitreten. Warum? Parteiarbeit bedeutet immer Konkurrenz: um Wählerstimmen, um Spendengelder, um Mitglieder, Parlamentssitze und Medienaufmerksamkeit. Da bleibt für die eigentliche, thematische Arbeit nur wenig Raum. Aber dazu später mehr.

Utopien

Ich machte mir schon als Kind meine Gedanken, was zu ändern sei. Da ich alles hinterfragte, machte ich auch vor dem Staat nicht halt. Vielleicht war ja nicht nur die Politik falsch, sondern das ganze politische System? Wenn es so nicht geht, wie könnte es anders gehen? Ich hatte meine Träume – große Träume!

Am Anfang war Kalosarien. Ein Königreich auf einer Insel und ich der König. ich ließ nur gute Menschen auf die Insel ziehen und verbot kurzerhand alles Schlechte. Nun gut – Inseln für Staatsgründungen sind nicht mehr zu haben und Könige regieren oft an den Bedürfnissen der Menschen vorbei: Wer garantiert denn, dass ausgerechnet ich ein guter König bin und dass ausgerechnet meine Verwaltungsleute die richtigen sind? Dieses Problem sah ich als das ernstere von den Zweien an, handelte es doch von der Grundstruktur meiner Gesellschaft. Der Ort ließ sich leicht verlegen und so behielt ich das Inselreich als Modell bei. Die Macht aber musste zur Basis, zu den Bedürfnissen der Leute.

Im Geschichtsunterricht behandelten wir, neben der antiken athenischen Demokratie und der römischen Republik auch die russische Revolution dort wurde unter anderem das Modell der Räte vorgestellt, das im revolutionären Russland und Deutschland (Münchner Republik) zum Einsatz kam. Als einen Grund für das Scheitern nannte unser Lehrer, dass die Räte mit ihren imperativen Mandaten und vielen Ebenen vor lauter Vor- und Rückabstimmungen keine Entscheidungen zu treffen vermochten. Aber die Idee der imperativen Mandate gefiel mir und so machte ich mir Gedanken, wie es zu verbessern sei.

Unterwegs entstand ein System, das der Räterepublik in vielem glich. Es war ein Bundesstaat, in dem auf jeder Ebene ein direkt gewähltes Parlament, der Rat und ein Trikonsulat existierte aber das Parlament dachte ich mir bisweilen auch schon weg und so blieb der Rat, die „Parabola“ übrig. Der Rat war an das imperative Mandat gebunden und jedes Mitglied war jederzeit abberufbar. Entscheidungen konnten jederzeit auf tieferer Ebene aufgehoben werden. Jeder Rat hatte 144 Mitglieder und wählte die Mitglieder des nächsthöheren Rates. So handelten Basisgruppen mit 144 Leuten selbständig, die ersten Räte vertraten jeweils kleine Städtchen mit ca. 20000 Einwohnern, auf der zweiten Ebene waren es schon Großstadt- und Bundeslandformate, auf der dritten ganze Kontinente und auf die vierte Ebene passte bequem mehrmals die ganze Welt. Die Trikonsulate waren das Exekutivorgan: Zwei von ihnen waren direkt gewählt (die beiden stärksten Kandidaten des Wählervotums, Alpha und Omega), einen Konsul, Pi, bestimmte der Rat. Diese Drei hatten ihre Entscheidungen miteinander abzustimmen. Zu wichtigen Entscheidungen, insbesondere Verfassungsänderungen, wurde das Volk befragt. Das System gefiel mir schon ziemlich gut, litt aber an der Indirektheit der höheren Ebenen.

Mir war klar, dass viele Probleme nicht aus der Politik heraus entstanden, sondern aus dem wirtschaftlichen System. Wenn die Demokratisierung der Politik die Lebensverhältnisse verbessern konnte, warum dann nicht die Demokratisierung der Wirtschaft? Die Arbeitskräfte eines Unternehmens entscheiden gemeinsam über den Produktionsprozess und Arbeitskräfte und Verbraucher gemeinsam über Produkt und Menge. Meine Mutter meint, das könne nicht funktionieren, denn einfache Arbeiter hätten von Betriebsabläufen nicht genug Ahnung – nur sagte man dem Volk das vor der Einführung der politischen Demokratie auch.

Ich diskutierte und diskutiere mit meinen Eltern immer wieder die Übertragbarkeit des schweizer Modells auf andere Weltregionen. Sie meinen, Deutschland sei viel zu groß, da würden Volksabstimmungen nach der Art der Schweiz nicht vernünftig funktionieren. Was aber passiert, wenn man sich Deutschland als ein Bündnis von 16 Schweizen vorstellt? Aber die Schweiz hat auch ihre Schwächen: Ständig finden Volksabstimmungen über komplizierte Anträge statt, die von irgendwelchen Lobbyverbänden ins Leben gehoben wurden, und da kaum jemand die buchdicken Anträge versteht, setzt sich normalerweise die Seite mit dem besseren Werbeapparat durch. Vor nicht all zu Langem kam mir eine Lösung, wie man das Problem in Griff bekäme: vollständige Föderalisierung der Beschlussfassung. Alle Beschlüsse werden auf unterster Ebene initiiert, wo sich alle Beteiligten gegenseitig kennen; so setzen sich schon dort nur leicht verständliche, oder zumindest an den Interessen der Gruppe orientierte Entwürfe durch. Ist der Antrag von überregionaler Bedeutung, so wird er auf die nächsthöhere Föderationsebene durchgereicht, bis er entweder seine Bestimmungsebene erreicht hat oder bei der Abstimmung durchfällt. Im Gegensatz zum marxistischen Rätesystem können höhere Delegiertenversammlungen also keine eigenen Anträge zur Abstimmung durchsetzen, sondern nur bei der Basis dafür werben. Auf diese Weise werden Abstimmungen über Anträge, die an den Bedürfnissen der Basis vorbeigehen, minimiert. Geht man dazuhin von Flächenverbänden auf Personenverbände über, so hat man um so weniger mit Menschen zu tun, mit denen man nichts zu tun haben will. Dieses Jahr traf ich auf einen Menschen, der dieses Konzept unabhängig von mir vertrat – doch dazu später mehr.

Realitäten

Wenn man einen wirtschaftlichen Prozess aus Bequemlichkeit oder mangelnder Kompetenz heraus an andere Personen vergibt, können merkwürdige Dinge passieren, insbesondere, wenn die Nutzer des Wirtschaftsprodukts, die Konsumenten, kaum organisiert sind und großen Produzentenorganisationen gegenüberstehen. Ein anschauliches Beispiel liefern Lebensmittel. Die chinesische Küche entstand in einem jahrtausendelangen Kulturprozess. Im Wesentlichen waren (und sind) dort auf dem Land Erzeuger und Verbraucher identisch und so entwickelte sich, neben einer optimierten Anbaukultur, auch ein optimierter Speiseplan, dessen Zutaten in kondensierter Form alles lebensnotwendige enthalten. Bei den großen Fastfood-Ketten ist der Einfluss der Verbraucher auf den Produktionsprozess sehr indirekt und findet hauptsächlich über Absatzzahlen und Umsätze statt. Im Gegensatz zur chinesischen Landküche haben hier die Produzenten kein unmittelbares Interesse an einem hohen Nähr- und Sättigungswert ihrer Produkte – eher das Gegenteil ist der Fall. Um die Gewinne zu maximieren, wird Nährwert vorgetäuscht und die Sättigung aufgeschoben, etwa durch die Verwendung von Aromen, Glutamat und Zucker. Der Produktionsprozess ist also nicht nutzwert- sondern gewinnoptimiert. Freilich überleben auch gesündere Lebensmittelproduzenten aber ohne Entkopplung von Konsumenten und Produzenten existierte Junk-Food mit seinem Schein-Nnährwert wahrscheinlich überhaupt nicht.

Lässt sich diese Beobachtung auch auf den Parlamentarismus übertragen? Ich behaupte, es gibt genug Analogien: „Konsumenten“ sind diejenigen, für die die Gesetze gelten, „Produzenten“ hingegen diejenigen, die sie entwerfen und beschließen. Es ist also zu erwarten, dass, trotz losem Kontrollprozess (hier die Wahlen), Eigeninteressen verfolgt werden, die dazu führen, dass das „Produkt“ (hier die Gesetze) dem „Konsumenten“ bisweilen mehr Nutzen vorgaukeln, als darin enthalten ist. Und das noch bei einem „Monopolisten“ (dem Staat), an dessen Spitze sich alle paar Jahre ein Wenig ändert. In einer Direktdemokratie würde der „Produzent“ mit dem „Konsumenten“ zusammenfallen, vorausgesetzt, es gelingt, die Gesellschaft so zu strukturieren, dass Produzent und/oder Konsument nicht überfordert werden.

Suchen

Seit ich politisch bin schaute ich mich auch nach politischen Gruppierungen um – gelegentlich schauten die sich auch nach mir um. Am Anfang kannte ich vor allem Parteien, Bürgerinitiativen und Verbände. Anfangs sah ich die SPD und die Grünen als die besten Vertreter meiner Interessen an. Außerparlamentarisch waren es vor allem die Umwelt- und die Friedensbewegung – und „Menschen für Menschen“ gegen den Hunger. Die Parteiendemokratie und ich entwickelten uns weiter. Das Selbstdarstellungsspiel der Parteien schien mir immer absurder; unter den Parteien im Bundestag schienen mir die Grünen noch das kleinste Übel, als sie doch immerhin die meisten Ziele mit mir teilten. Aber ich merkte auch: Es ist nicht ganz, was ich will.

Die späten 90er waren eine Umbruchzeit. Man war unzufrieden mit Kohl und die Bevölkerung hoffte auf einen Politikwechsel. Es war noch etwas hin bis zur Wahl, da tauchte die MLPD bei uns auf, um einen hochschulpolitischen Ratschlag zu veranstalten. Einen Ratschlag unter MLPD-aegide muss man sich etwa so vorstellen: MLPD-Leute und andere politisch interessierte diskutieren über ein politisches Thema. Dabei stellen die Parteifunktionäre den Entwurf der Partei zu dem Thema vor und andere dürfen auch etwas dazu sagen. Nach mehreren Wochen Diskussion fassen die Parteifunktionäre die Diskussion zusammen, indem sie den Teilnehmern die Parteiposition als Konsensentwurf zur Unterschrift vorlegen. Es war aber kein Konsens: Ich stimmte der Position nicht zu und fühlte mich während der Diskussion zunehmend als Rechts-Außen unter den Linken. Auch hier war ich nicht zuhause.

Im Wahljahr 1998 versuchte eine größere Gruppe von Studenten einen Vorstoß: Man wollte die FDP übernehmen. Wir besuchten mehrere Parteiveranstaltungen, darunter eine Kreis-Mitgliederversammlung, und stellten Aufnahmeanträge. Wir wurden, da wir uns in den Zielen zu stark von der Partei unterschieden, lapidar abgewiesen. Welche Ziele das aber waren, dazu wurde nie offen Stellung genommen, dabei hatten wir genügend Gründe, uns ebenfalls als Liberale zu definieren. Doch es zeigte sich, dass die FDP an einer echten Demokratisierung kein Interesse hatte und unter Freiheit vor allem die Freiheit des Marktes und der Eigentümer meinte. Einige Jahre später, als die Lebensgeschichte Joschka Fischers im Bundestag debattiert wurde, machte Westerwelle bei Christiansen klar, dass er von den Pershing-Blockaden der Friedensbewegung nichts hielt, weil sie sich damit gegen die Beschlüsse des Parlaments gestellt und illegal gemacht hätten. Diese klar auf Gesetzestreue und gegen die Freiheit des Menschen gerichtete Position erlaubte den legalen Übergang zur Diktatur – eine solche Partei konnte nicht meine politische Heimat werden.

Finden

Nun gut, fürs erste versuchte ich es nach der Bundestagswahl '98 mit den Grünen. Ich bemerkte aber sehr schnell, dass mein Aufwand für politische Arbeit ungefähr den Effekt bei der Umsetzung meiner Ziele aufwog, wenn nicht gar überwog. Nach einer gewissen Anfangseuphorie und aufgrund anderer Interessen zog ich mich weitgehend aus der Parteiarbeit zurück. Inzwischen hatte ich eine neue Spur gerochen: GNU und Linux und die GPL wiesen einen Weg, wie man zur Freiheit des Menschen und zugleich zu einem funktionierenden Wirtschaftsprozess kommen könnte. Ökonux beschäftigte sich dann, als Forum, mit der Übertragbarkeit der Konzepte von der freien Nutzung des Wissens zur freien Nutzung anderer Güter. Von dort aus gelangte ich zur Panokratie, einem utopischen Gesellschaftsentwurf, an dem kaum etwas ausgelassen wurde. Dieser leitete sich aus Ideen der Anarchie ab.

„Anarchie – ist das nicht diese völlig unreife Idee, man könne einfach Staat, Geld und Eigentum abschaffen?“ – so dachte ich anfangs. Nein, von einfach Abschaffen konnte keine Rede sein: Wenn du sie jeweils durch einen Handstreich auflöst oder verbietest, kommen sie just durch die Hintertür zurück. Das geht höchstens über einen langen, mühsamen Weg mit vielen Freiwilligen und kann auch nur für die Freiwilligen gelingen, die auch nur dann dabei bleiben, wenn das Leben für sie dadurch besser wird.

Meine erste Begegnung mit einer größeren Menge Anarchisten war letztes Jahr (2003) auf einem Camp; der Anlass war eigentlich, ein paar Panokraten zu treffen aber so konnte ich mir auch mal die Anarchisten anschauen. Sie enttäuschten meine Erwartungen – im positiven Sinne: im großen und ganzen nette Menschen, mit bisweilen verschrobenen, bisweilen klaren Ideen vom Leben. Die besoffenen Straßenpunks, die ich vom sehen kannte, waren es jedenfalls nicht. Es waren Menschen, wie man sie überall finden könnte.

Ihre politischen Ideen blieben mir jedoch noch unklar und suspekt: Ich verstand ihre Sprache nicht! Dass die Sprache das Problem war, wurde mir klar, als ich letztes Jahr meinen Computer neu installierte und dabei auf eine Fragensammlung (FAQ) mit besonderem Inhalt stieß: Es war eine Fragensammlung zum Anarchismus. Ich wurde neugierig und in der Weihnachtszeit begann ich, sie zu lesen.

Die Sammlung ist gewaltig; gedruckt ergäbe sie mehrere Bücher – aber vieles wiederholt sich, denn die Autoren haben versucht, jede Frage recht ausführlich zu beantworten. Ich versuchte, die mir wichtigen Teile herauszugreifen, um die Bewegung zu verstehen. Zunehmend kristallisierte sich heraus: Da ist eine große, antiautoritäre und emanzipative Bewegung, deren Ziel freie Menschen sind, die ihr Leben selbst in die Hände nehmen und nach ihren eigenen Bedürfnissen organisieren. Ökologie, Frieden, Essen für alle ergibt sich aus den gemeinsamen Überlebensinteressen. Ziel ist es, Macht und Initiative an die Basis zurückzuholen und es gibt mehrere, teilweise erprobte Modelle, wie dies gelingen kann. Meine Überlegungen zum Kommunismus („Alles für alle“ – oder „Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen“), dass er nur auf freiwilliger Basis gelingen kann, wurden bestätigt. Mein eigenes Gesellschaftsmodell lag inmitten der anderen Modelle und war schon mit gewissem Erfolg erprobt. Abschaffung des Staates meint nicht die Abschaffung sämtlicher gesellschaftlicher Strukturen, sondern die Abschaffung seiner Autoritäten, indem er durch eine anti-autoritäre Gesellschaftsordnung ersetzt wird. Abschaffung des Kapitals bedeutet die Abschaffung von Eigentumsprivilegien, die ja nur durch staatlichen Schutz funktionieren (etwa Schutz von ungenutzten Häusern vor landlosen Hausbesetzern durch die Polizei, oder die Räumung einer besetzten Fabrik durch selbige), nicht etwa, dass die Menschen nun nicht mehr frei über etwas verfügen könnten, sondern dass sie über alles frei verfügen können. Manche denken an Revolution (Übergang in die neue Gesellschaftsordnung durch Verdrängung oder Zerschlagung der alten, nicht das Erschießen von Politikern), andere an Evolution (Übergang durch Umwandlung der alten in die neue durch Überzeugungsarbeit und Widerstand), manche wiederum an eine Mischung aus beidem, die wenigsten glauben jedoch an den Weg der Reform (Parlamentsmehrheit gewinnen und die alte Ordnung durch Gesetzesänderungen abzuschaffen), da dieser Versuch bisher jedes mal gescheitert ist. Als ich dieses Jahr (2004) wieder auf dem Sommercamp war, fühlte ich mich sofort wie zuhause und ich wusste: Ich war schon lange Anarchist, ehe ich wusste, was Anarchismus überhaupt ist. Dort traf ich übrigens auch den Menschen, der mein Modell unabhängig von mir vertritt.