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Rosa Luxemburg

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"Wer kämpft, kann verlieren, wer nicht kämpft, hat schon verloren."


Rosa Luxemburg (geboren am 5. März 1871 als Rosalia Luxenburg in Zamość, Kreis Lublin in Polen; ermordet am 15. Januar 1919 in Berlin) war eine bedeutende Vertreterin der europäischen Arbeiterbewegung und entschiedene proletarische Internationalistin. Sie wirkte vor allem in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands als marxistische Theoretikerin und engagierte Antimilitaristin. Gegen die Kriegsbeteiligung der SPD gründete sie 1915 die "Gruppe Internationale" und leitete dann mit Karl Liebknecht den daraus hervorgehenden Spartakusbund. Als politische Autorin verfasste sie zahlreiche zeitkritische Aufsätze und ökonomische Analysen: vor 1914 u.a. in der "Leipziger Volkszeitung", bis 1918 auch in Haft und danach als Herausgeberin der Zeitung "Die Rote Fahne". Ende 1918 gehörte sie zu den Gründungsmitgliedern der KPD, deren erstes Parteiprogramm sie überwiegend verfasste. Im Gefolge des gescheiterten Spartakusaufstandes wurde sie unter nicht restlos geklärten Umständen zusammen mit Karl Liebknecht von republikfeindlichen Soldaten ermordet.

Ihre theoretische und praktische Arbeit für den Sozialismus, die internationale Solidarität der Arbeiterklasse, gegen Militarismus und Krieg wirkten weit über ihre Zeit und die Grenzen Deutschlands hinaus. framed|right|Rosa Luxemburg

Leben

Jugend, Einstieg in die Politik, Studium (1871-1897)

Am 5. März 1871 wurde Rosa Luxemburg als fünftes Kind des Holzhändlers Eliasz Luxemburg und dessen Frau Line (geb. Löwenstein) im damals russischen Teil Polens geboren. Sie war kleinwüchsig und lebenslang gehbehindert. Ihre Eltern waren jüdischen Glaubens.

Nach dem Umzug der Familie nach Warschau besuchte sie dort seit 1880 das Zweite Mädchengymnasium. Noch in der Schulzeit engagierte sie sich ab 1886 in der polnischen Linkspartei „Proletariat“. Diese war 1882 gegründet worden und hatte schon ein Jahr darauf als erste der europäischen Arbeiterparteien einen Massenstreik organisiert. Daraufhin wurden vier ihrer Anführer hingerichtet und die Partei aufgelöst. Nur im Untergrund konnten einige Teilgruppen weiterarbeiten. Einer von ihnen schloss Rosa Luxemburg sich an.

1888 machte sie das Abitur mit Auszeichnung. Ein Jahr drohte ihr die Verhaftung wegen ihrer Zugehörigkeit zum "Proletariat". Auf Anraten ihrer Parteigenossen floh sie nach Zürich in die Schweiz, dem damaligen Exil vieler russischer und polnischer Intellektueller. Dort beteiligte sie sich sofort an örtlichen Arbeiter- und Emigrantengruppen und gewann rasch einen Ruf als führende Theoretikern der polnischen Arbeiterbewegung. Sie studierte an der Zürcher Universität Philosophie, Geschichte, Politik, Ökonomie und Mathematik zugleich. Ihre Schwerpunkte waren Staatswissenschaften (heute: Volkswirtschaftslehre und Politologie), Mittelalter, Wirtschafts- und Börsenkrisen.

1893 gründete sie gemeinsam mit Leo Jogiches und Julian Marchlewski die "Sozialdemokratische Arbeiterpartei Polens und Litauens" (SDARP) als revolutionäre Alternative zur bestehenden "Polnischen Sozialistischen Partei" (PPS). Diese strebte Polens Unabhängigkeit und seine Umwandlung in eine bürgerliche Demokratie an. Rosa Luxemburg griff diesen Nationalismus in der Pariser Exilzeitung "Sprawa Robotnicza" (Arbeitersache) scharf an und vertrat dagegen, dass Polen nur durch eine Revolution in Deutschland, Österreich-Ungarn und Russland unabhängig werden könne. Vorrang müsse der Kampf gegen die Monarchie und den Kapitalismus in ganz Europa haben. Dessen Überwindung sei die Vorbedingung für das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Diese Überzeugung war Teil ihres späteren Streits mit Lenin, der die polnische und andere nationale Befreiungsbewegungen als Vorstufe zum Sozialismus ansah und fördern wollte.

1897 promovierte Rosa Luxemburg in Zürich summa cum laude zum Thema "Polens industrielle Entwicklung".

Für Marxismus, gegen Militarismus in der SPD (1898-1914)

Im Jahr darauf heiratete sie Gustav Lübeck, um die deutsche Staatsbürgerschaft zu erhalten. Sie zog nach Berlin und trat sofort in die SPD ein. Diese galt damals als fortgeschrittenste sozialistische Partei Europas. 1890 waren im Deutschen Reich nach 12 Jahren die Bismarckschen Sozialistengesetze aufgehoben worden, so dass die SPD auf legalem Weg weitere Reichstagssitze gewinnen konnte. Das neue Erfurter Programm von 1891 spiegelte dies, indem es die sozialistische Umgestaltung der Gesellschaft nur noch als theoretisches Fernziel festschrieb und den Alltagskampf für Reformen davon trennte. Die SPD-Abgeordneten setzten sich nun immer weniger für andere Produktionsverhältnisse, immer mehr nur noch für allmähliche Erweiterung parlamentarischer Rechte und materiellen Wohlstands ein, obwohl sie nach außen revolutionäre Reden hielten.

Rosa Luxemburg vertrat dagegen eine konsequent marxistisch-revolutionäre Haltung. Sie wurde aufgrund ihrer scharfen Rhetorik und ihrer analytischen Fähigkeiten rasch zur Wortführerin des linken Parteiflügels. In dieser Rolle griff sie 1899 mit einer Artikelserie in der angesehenen "Leipziger Volkszeitung" in die sogenannte Revisionismus-Debatte ein. Eduard Bernstein vertrat damals die Theorie, dass Interessenausgleich und soziale Reformen die Auswüchse des Kapitalismus mildern und von allein zum Sozialismus führen würden, so dass die SPD sich auf parlamentarische Mittel beschränken könne. Dagegen bestand Rosa Luxemburg darauf, dass kommende Wirtschaftskrisen den Gegensatz von Kapital und Arbeit zuspitzen würden, so dass Sozialismus nur durch eine Machtübernahme des Proletariats und eine revolutionäre Umgestaltung der Produktionsverhältnisse zu erreichen sei. Wegen ihrer Abkehr vom Parteiziel forderte sie den Ausschluss der Revisionisten aus der SPD. Dieser unterblieb, aber die Parteiführung unter August Bebel und Karl Kautsky behielt den Marxismus in ihrem Programm. Praktisch aber verfolgte sie einen reformistischen Kurs und versuchte vor allem, ihre Reichstagsfraktion zu vergrößern.

Von nun an war Rosa Luxemburg reichsweit als scharfzüngige intelligente Gegnerin der Revisionisten bekannt, geachtet und zum Teil auch gefürchtet. Als erste Frau übernahm sie die Chefredaktion der "Leipziger Volkszeitung". Doch nachdem sie einen Redakteur des SPD-Parteiblatts "Vorwärts" angegriffen hatte und von Intrigen gegen sich erfuhr, trat sie zurück. Sie wollte sich den autoritären, von Männern dominierten Machtstrukturen in der SPD nicht beugen. Fortan nahm sie in zahlreichen Artikeln und Parteigremien zu aktuellen ökonomischen und sozialpolitischen Problemen in allen Staaten Europas Stellung. Da sie den kommenden Krieg der europäischen Großmächte voraussah, griff sie immer stärker den deutschen Militarismus und Imperialismus an und versuchte, ihre Partei zu einem energischen Gegenkurs zu verpflichten.

Im Reichtagswahlkampf 1903 sagte sie öffentlich vor einer Menge über Kaiser Wilhelm II.: "Der Mann, der von der guten und gesicherten Existenz der deutschen Arbeiter spricht, hat keine Ahnung von den Tatsachen." Darum wurde sie 1904 wegen "Majestätsbeleidigung" zu drei Monaten Gefängnis verurteilt, von denen sie aber nur 6 Wochen verbüßen musste.

1905 reiste sie unter falschem Namen nach Polen, um die SDARP zur Teilnahme an der ersten russischen Revolution zu bewegen. Sie wurde verhaftet und ausgewiesen. Im folgenden Jahr wurde sie wegen Anreizung zum Klassenhass erneut zu zwei Monaten Haft verurteilt.

Um die "internationale Solidarität der Arbeiterklasse" gegen den Krieg einzuüben, forderte sie nun energisch von der SPD die Vorbereitung des Generalstreiks nach polnisch-russischem Vorbild ("Massenstreik, Partei und Gewerkschaften" 1906). Zugleich setzte sie ihr internationalistisches Engagement fort und nahm 1907 mit Leo Jogiches, ihrem damaligen Lebenspartner, am V. Parteitag der russischen Sozialdemokraten in London Teil. Dort lernte sie Lenin kennen. Beim folgenden Kongress der 2. Internationale in Stuttgart brachte sie eine Resolution ein, die gemeinsames Handeln aller europäischen Arbeiterparteien gegen den Krieg vorsah. Diese wurde angenommen.

Nun begann sie als Dozentin für Marxismus und Ökonomie an der SPD-Parteischule in Berlin zu lehren. Einer ihrer Schüler war der spätere SPD-Vorsitzende und erste Präsident der Weimarer Republik, Friedrich Ebert.

Als die SPD sich beim Aufstand der Herero und Nama klar gegen die imperialistische Politik des Kaiserreichs aussprach, verlor sie bei den angesetzten Neuwahlen 1907 rund ein Drittel ihrer Reichtagssitze. Doch den Generalstreik als politisches Kampfmittel lehnten SPD- und Gewerkschaftsführung weiterhin strikt ab. Darüber zerbrach 1910 Rosa Luxemburgs Freundschaft mit Karl Kautsky.

1912 reiste sie als Vertreterin der SPD zu europäischen Sozialistenkongressen, u.a. in Paris. Mit dem französischen Sozialisten Jean Jaurès sorgte sie dafür, dass die europäischen Arbeiterparteien sich feierlich verpflichteten, beim Kriegsausbruch zum Generalstreik aufzurufen. Als die Balkankrise 1913 fast schon den Krieg auslöste, organisierte sie Demonstrationen. In Frankfurt am Main rief sie eine Menge von Hunderttausenden zu Kriegsdienst- und Befehlsverweigerung auf. Daher wurde sie der Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und Anordnungen der Obrigkeit angeklagt und 1914 zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Vor dem Haftantritt konnte sie Ende Juli noch an einer Sitzung des Internationalen Sozialistischen Büros teilnehmen. Dort erkannte sie ernüchtert: Auch in den europäischen, vor allem den deutschen und französischen Arbeiterparteien war der Nationalismus stärker als das internationale Klassenbewusstsein.

Am 4. August 1914 reagierte die Reichstagsfraktion der SPD auf die Kriegserklärung des Deutschen Reichs vom Vortag und beschloss einstimmig die Kriegskredite. Zugleich versprach die Partei dem Kaiser einen Streik- und Lohnverzicht während des Krieges. Mit diesem "Burgfrieden" wollte man einem erneuten Parteiverbot als "Vaterlandsverräter" entgehen und den mühsam erkämpften Einfluss im Reichstag bewahren. Rosa Luxemburg erlebte diesen Umfall als persönliche Katastrophe und dachte kurze Zeit sogar an Selbstmord. Sie musste erkennen, dass der Opportunismus, den sie immer bekämpft hatte, gesiegt und das Ja zum Krieg nach sich gezogen hatte.

Engagement im 1. Weltkrieg (1914-1918)

Am 5. August gründete sie mit Karl Liebknecht und einigen anderen Parteilinken, darunter Franz Mehring und Clara Zetkin, die "Gruppe Internationale". Daraus ging 1916 der reichsweite "Spartakusbund" hervor, dessen "Spartakusbriefe" Luxemburg mit Liebknecht zusammen herausgab. Darin sammelten sich die entschiedensten Kriegsgegner der SPD, die deren Stillhaltepolitik vehement ablehnten. Sie versuchten, die Partei zur Rückkehr zu ihren Vorkriegsbeschlüssen zu bewegen und ihr den Generalstreik für Frieden und das Ziel der internationalen proletarischen Revolution nahe zu bringen. In der späteren Novemberrevolution nahm die Gruppe bewusst den Namen des Sklavenanführers Spartacus im antiken römischen Reich an.

Im Dezember 1914 lehnte Karl Liebknecht als zunächst einziger SPD-Reichstagsabgeordneter gegen die Fraktionsdisziplin weitere Kriegskredite ab. Er wurde bald darauf zum Kriegsdienst eingezogen. Rosa Luxemburg musste 1915 ihre Haftstrafe in Berlin antreten. Als sie ein Jahr später entlassen wurde, wurde sie schon drei Monate später wieder, dieses Mal zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Im Juli 1916 begann ihre "Sicherheitsverwahrung". Sie wurde zweimal verlegt, zuerst nach Posen, dann nach Breslau. Auch Liebknecht war nun als Hochverräter inhaftiert, nachdem er am 1. Mai 1916 auf einer Antikriegsdemonstration geredet hatte.

Auch im Gefängnis setzte Rosa Luxemburg ihr politisches Engagement fort und verfasste einige Aufsätze, die ihre Freunde herausschmuggelten und illegal veröffentlichten: darunter »Die Krise der Sozialdemokratie« unter dem Pseudonym "Junius" (erschienen Juni 1916). Darin rechnete sie mit der bürgerlichen Gesellschaftsordnung und der reaktionären Rolle der SPD ab, deren Wesen der Raubkrieg offenbart habe. Lenin kannte diese Schrift und antwortete sofort darauf, ohne zu ahnen, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg.

Berühmt wurden auch Rosa Luxemburgs sehr persönliche "Briefe aus dem Gefängnis" an ihre Freundinnen Mathilde Jakob und Sonja Liebknecht.

Im Frühjahr 1917 weckte der Sturz des Zaren in Russland zunächst Hoffnungen auf ein baldiges Kriegsende. Doch die „Menschewiki“ setzten den Krieg gegen Deutschland fort. Dort kam es im März in vielen Städten zu monatelangen Protesten und Massenstreiks: zuerst gegen Mangelwirtschaft, dann gegen Lohnverzicht und schließlich gegen Krieg und Monarchie.

Im April 1917 griffen die USA in den Krieg ein. Nun gründeten die Kriegsgegner, die aus der SPD ausgeschlossen worden waren, die USPD, die rasch Zulauf gewann. Obwohl der Spartakusbund die Parteispaltung bis dahin abgelehnt hatte, trat er der neuen Linkspartei nun bei. Er behielt aber seinen Gruppenstatus, um weiterhin für konsequente Revolution zu werben.

Während die SPD unter Friedrich Ebert im Reichstag erfolglos versuchte, die Oberste Heeresleitung zu Friedensverhandlungen mit US-Präsident Wilson zu gewinnen, ermöglichte diese Lenin die Durchreise aus seinem Schweizer Exil nach St. Petersburg. Dort gewann er die Führung der Bolschewiki und bot den Russen sofortigen Separatfrieden mit Deutschland an. Im Oktober gewannen die Bolschewiki damit eine Mehrheit im Volkskongress, doch nicht in der Duma, dem russischen Nationalparlament. Sie besetzten es, lösten es auf und setzten die Arbeiterräte (Sowjets) als Regierungsorgane ein.

Rosa Luxemburg ließ sich fortlaufend über diese Ereignisse informieren und schrieb dazu den Aufsatz "Die Russische Revolution": Darin begrüßte sie Lenins Umsturzversuch, kritisierte aber zugleich scharf seine Strategie und warnte vor einer Diktatur der Bolschewiki. In diesem Zusammenhang formulierte sie den berühmten Satz: "Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden." Ihre Kritik an Lenin wurde jedoch erst nach ihrem Tod veröffentlicht. Trotz ihrer Vorbehalte rief sie nun unermüdlich zu einer deutschen Revolution nach russischem Vorbild auf und forderte eine "Diktatur des Proletariats". Sie grenzte diesen Begriff aber gegen Lenins Parteikonzept ab und verstand darunter die demokratische Eigenaktivität der Arbeiter im Revolutionsprozess, Betriebsbesetzungen, Selbstverwaltung und politische Streiks bis zur Verwirklichung sozialistischer Produktionsverhältnisse.

Novemberrevolution, KPD-Gründung, Tod (1918-1919)

Im Januar 1918 kam es erneut in vielen deutschen Rüstungsbetrieben zu wochenlangen Streiks, die nur durch Eberts Eintritt in die Berliner Streikleitung beendet werden konnten. Doch eine Revolution nach russischem Vorbild war nähergerückt, da sich nun unabhängig von beiden Linksparteien eigenständige Arbeitervertreter, die "Revolutionären Obleute", in den Betrieben gebildet hatten.

Während sich immer mehr Deutsche nach Frieden sehnten und den Krieg nicht mehr mitzutragen bereit waren, setzte die Frühjahrsoffensive der OHL unter General Ludendorff nochmals auf einen "Siegfrieden". Sie endete am 8. August mit dem Durchbruch der Entente an der Westfront. Daraufhin wurden Regierung und Verfassung auf Verlangen der OHL am 5. Oktober umgebildet: Der Reichstag wurde erstmals daran beteiligt, Max von Baden wurde Reichskanzler, die SPD trat mit einem Minister in die Regierung ein und diese bat die Entente um Waffenstillstandsverhandlungen. Doch die Spartakisten sahen die Verfassungsänderung als Täuschungsmanöver zur Abwehr der kommenden Revolution und stellten nun reichsweit ihre Forderungen nach einem grundlegenden Umbau der Gesellschafts- und Staatsordnung.

Nachdem der Kieler Matrosenaufstand die Novemberrevolution ausgelöst, diese am 9. November Berlin erreicht und Kaiser zur Flucht gezwungen hatte, wählte der neu einberufene Berliner Rätekongress am 10. November 1918 den 6-köpfigen "Rat der Volksbeauftragten" mit je 3 Vertretern von SPD und USPD als Übergangsregierung. Zu deren Kontrolle wurde ein ebenfalls paritätisch besetzter "Vollzugsrat" aus 46 Räten gebildet. Außerdem wurde ein Reichsrätekongress geplant, der eine neue Verfassung und Wahlen vorbereiten sollte. Die Umwandlung des Reiches in eine sozialistische Demokratie wurde als Vorlage für dieses Revolutionsparlament beschlossen.

Am selben Tag traf Rosa Luxemburg, die zwei Tage zuvor aus der Breslauer Haft entlassen worden war, in Berlin ein. Der ebenfalls befreite Karl Liebknecht hatte bereits den Spartakusbund reorganisiert. Beide gaben dann gemeinsam die Zeitung "Rote Fahne" heraus, um täglich auf die Entwicklung Einfluss zu nehmen. In einem ihrer ersten Artikel forderte Rosa Luxemburg über die Amnestie für alle politischen Gefangenen hinaus die Abschaffung der Todesstrafe.

Ebert wollte den geplanten Reichsrätekongress verhindern und beorderte dazu zusätzliches Militär nach Berlin. Bereits am Abend des 10. November hatte er sich heimlich mit Ludendorffs Nachfolger General Wilhelm Groener auf eine Zusammenarbeit gegen die Revolutionäre verständigt. Am 6. Dezember kam es zu ersten Schießereien. Vier Tage später zog die Garde-Kavallerie-Schützendivision in Berlin ein. Rosa Luxemburg vermutete früh Eberts Bestreben, Reichswehreinheiten gegen Berliner Arbeiter einzusetzen. Sie forderte nun alle Macht für die Räte, die möglichst gewaltlose Entwaffnung und die Umerziehung der heimgekehrten Soldaten.

Der Reichsrätekongress fand vom 16.-20. Dezember ohne die Spartakisten statt. Eine Mehrheit stimmte dort für parlamentarische Wahlen und die Selbstauflösung der Arbeiterräte. Aber man setzte auch eine Kontrollkommission für das Militär und eine "Sozialisierungskommission" ein, um das Regierungsprogramm noch vor den Wahlen umzusetzen und die vielfach geforderte Enteignung kriegswichtiger Großindustrie zu beginnen.

Bei Eberts Versuch, den Berliner Vollzugsrat zu entmachten und das arbeiterfreundliche Volksmarinekorps aufzulösen, kam es am 24. Dezember erneut zu Schießereien. Daraufhin verließ die USPD fünf Tage später die Übergangsregierung. Nun beauftragte Ebert Noske zur Aufstellung von weiteren Freikorps. Dieser zog immer mehr Militär um Berlin zusammen.

Am 1. Januar 1919 gründeten die Spartakisten und andere linkssozialistische Gruppen aus dem ganzen Reich die KPD. Rosa Luxemburg verfasste ihr Programm und trug es auf der Abschlussversammlung der Delegierten vor. Darin betonte sie, dass Kommunisten die Macht niemals ohne erklärten mehrheitlichen Volkswillen ergreifen könnten und würden. Ihre Empfehlung, an den kommenden Parlamentswahlen teilzunehmen, wurde jedoch mehrheitlich abgelehnt.

Am 5. Januar begann der eine Woche dauernde sogenannte "Spartakusaufstand", der den Linken die entscheidende Niederlage im Revolutionsverlauf beibrachte. Nachdem die SPD-Regierung den Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn, ein USPD-Mitglied, abgesetzt hatte, besetzten Arbeiter, die USPD und KPD nahestanden, das Berliner Zeitungsviertel, um zum Generalstreik und zu Eberts Sturz aufzurufen. Waffen wurden ausgegeben und Straßen verbarrikadiert. Karl Liebknecht trat in den "Revolutionsausschuss" ein. Zwei Tage lang wurde das Vorgehen beraten und vergeblich versucht, einige Berliner Regimenter für das eigene Vorhaben zu gewinnen. Die USPD-Vertreter verhandelten mit Ebert, bis bekannt wurde, dass der "Vorwärts" zur "Stunde der Abrechnung" aufrief. Dann brach man die Gespräche ab. Daraufhin setzte Ebert die Reichswehr und die Freikorps gegen die Aufständischen ein. Hunderte von ihnen wurden erschossen: darunter auch viele Unbewaffnete, die sich schon ergeben hatten.

Rosa Luxemburg hatte vor diesen Folgen gewarnt und Liebknecht wegen dieses verfrühten und dilletantischen Aufstandsversuchs scharf kritisiert. Die Spartakusführer mussten nun untertauchen. In Flugblättern war schon seit Anfang Dezember zum Mord an ihnen aufgerufen worden. Großindustrielle hatten damals eine "Antibolschewistische Liga" gegründet, die Industrieverbandschef Hugo Stinnes im Januar mit 500 Millionen Reichsmark ausstattete. Davon wurden die Anwerbung und Ausrüstung der Freikorps sowie Belohnungen zur Festsetzung und Ermordung von Spartakisten bezahlt.

In ihren letzten Lebenstagen ging es Rosa Luxemburg gesundheitlich sehr schlecht. Aber trotz starker Schmerzen setzte sie ihren täglichen Einsatz für einen Erfolg der Revolution fort. In ihrer letzten Veröffentlichung in der "Roten Fahne" bekräftigte sie nochmals ihr unbedingtes Vertrauen auf das Volk, das aus seinen Niederlagen lernen könne und die künftige Revolution zum Sieg führen werde.

Am 15. Januar 1919 wurden Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in Wilmersdorf entdeckt, festgenommen und der Garde-Kavallerie-Schützendivision übergeben. Sie wurden im Hotel Eden verhört und schwer misshandelt. Wahrscheinlich nach Rücksprache mit Noske und der Heeresführung ließ der Kommandant Waldemar Pabst sie anschließend ermorden. Der am Seitenausgang bereitstehende Jäger Otto Wilhelm Runge schlug Rosa Luxemburg beim Abtransport mit einem Gewehrkolben nieder: Dies sollte als spontanes Attentat "aus der Menge" wirken. Der Leutnant Hermann Souchon ermordete sie dann während der Fahrt mit einem aufgesetzten Schläfenschuss. Ihre Leiche wurde in den Berliner Landwehrkanal geworfen und dort erst am 1. Juni 1919 aufgefunden. Am 13. Juni wurde sie neben dem Grab von Karl Liebknecht in Berlin-Friedrichsfelde beigesetzt.

Nachspiele

Seit Jahresbeginn, besonders aber nach den Morden kam es im ganzen Reich zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen, die trotz der Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar bis Ende Mai anhielten. Noske setzte die Freikorps weiter ein und schlug einen Umsturzversuch nach dem anderen nieder. Dabei kam es zu einigen 1000 Toten, darunter vielen profilierten Arbeiterführern und Köpfen der Linken. Die Räterepublik in Bayern, die am 7. November gegründet worden war, konnte sich insgesamt 6 Monate halten.

Den Versuch der Generäle Kapp und Lüttwitz, eine rechtsgerichtete Militärdiktatur zu errichten, konnte ein Generalstreik 1920 noch einmal vereiteln und damit die Demokratie retten. Danach gewann die reaktionäre Rechte immer mehr die Oberhand. Politische Morde gegen als links oder liberal geltende Politiker waren an der Tagesordnung.

In diesem Klima wurden zwar einige der Täter des 15. Januar vor Gericht gestellt, aber ihre Prozesse wurden verschleppt und gegen geringe Strafen eingestellt. Die Mörder kamen - wie viele rechtsgerichtete Straftäter damals - nahezu ungeschoren davon. Die möglichen Auftraggeber wurden nicht einmal verfolgt, zumal Noske selbst die Strafverfolgung der Täter einstellen ließ. Eberts Geheimpakt mit Groener wurde durch Groeners eigene Aussage im "Dolchstoßprozess" 1925 aufgedeckt; ob er außerdem der Ermordung der Spartakisten zustimmte, konnte nie bewiesen werden.

Nach Adolf Hitlers Machtergreifung gewährten die Nationalsozialisten den verurteilten Mördern des 15. Januar 1919 Amnestie und Haftentschädigung. Ihr Anführer Pabst ging straffrei aus. Nach einer Zeit des Exils in der Schweiz kehrte er in die Bundesrepublik zurück, wo er sich den Neonazis anschloss. Er starb 1970. In seinem Nachlass fand sich ein Tagebuch mit folgendem Eintrag:

"Dass ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchführen konnte – mit Ebert im Hintergrund – und auch meine Offiziere schützen musste, ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin. Ich habe als Kavalier das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, dass ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit".

Schon in einem Spiegel-Interview von 1962 hatte Pabst erklärt, Noske habe seine Morde erlaubt, Ebert habe dies und die ausbleibende Strafverfolgung danach gedeckt. Der frühere Chef des Verfassungschutzes Günther Nollau hat versichert, Pabst habe ihm gegenüber die Mordaufträge gestanden. Ob dies eine Schutzbehauptung war, ist umstritten.

Politisches Denken und Handeln

Der Marxismus als selbstkritische Methode der Kapitalismusanalyse

Rosa Luxemburg vertrat entschieden die Ideen des Kommunistischen Manifests von Karl Marx. Sie fasste sein Denken jedoch nicht dogmatisch, sondern höchst kritisch auf:

"Marxismus ist eine revolutionäre Weltanschauung, die stets nach neuen Erkenntnissen ringen muss, die nichts so verabscheut wie das Erstarren in einmal gültigen Formen, die am besten im geistigen Waffengeklirr der Selbstkritik und im geschichtlichen Blitz und Donner ihre lebendige Kraft bewahrt."

In zwei Aufsätzen über Marx aktualisierte sie seine Grundideen ganz verschieden. Für die Marx-Biografie von Franz Mehring von 1901 schrieb sie eine höchst anschauliche Zusammenfassung des "Kapital". Darin erklärte sie

  • das Entstehen des Profits aus dem Lohngesetz, das dem Arbeiter immer einen Teil des Gegenwerts seines Produkts vorenthält (Band 1);
  • die Konkurrenzgesetze des Marktes, die den Unternehmer zwingen, seinen Profit wiederum gewinnbringend zu "realisieren", sowie das Kreditsystem, das Produktionsprozess und Warenverkehr in Gang hält (Band 2);
  • das Gesetz der "durchschnittlichen Profitrate", das die Verteilung des gesellschaftlich produzierten Reichtums bedingt und die zwangsläufig auftretenden "Krisen" in der kapitalistischen Ökonomie hervorruft (Band 3).

Diese Gesetzmäßigkeiten begründeten für sie die grundlegende Klassensolidarität der Kapitaleigner gegenüber den Produzenten, so dass strukturelle Ausbeutung nur durch die Aufhebung von Lohnarbeit und Klassenherrschaft überwindbar sei.

Rosa Luxemburgs Hauptwerk ist "Die Akkumulation des Kapitals" von 1913. Darin analysierte sie die Bedingungen des vom Imperialismus beherrschten kapitalistischen Weltmarkts, um das Entstehen ökonomischer Krisen besser als Marx zu erklären. Als Parteidozentin schrieb sie seit 1907, dann 1916 in Haft auch eine allgemeinverständliche "Einführung in die Nationalökonomie", die posthum 1925 erschien. Aufgrund ihrer selbstkritischen, eigenständigen und scharfsichtigen Analysen gilt Rosa Luxemburg besonders seit dem Fall der Sowjetunion als eine, wenn nicht die legitime Vertreterin genuin marxistischen Denkens, die es zugleich originär weiterentwickelt hat.

Die Bekämpfung des Reformismus

Auf dem Weg zur Massenpartei wuchs in der SPD seit 1890 eine Schicht von Abgeordneten und Verwaltungsbeamten heran, die von ihren Posten lebten. Als Bernstein ab 1896 seine Artikelreihe zur Revision der Marxschen Zusammenbruchstheorie veröffentlichte, traf er deren Interessenlage. Er folgerte aus dem zeitweisen Ausbleiben von Krisen, dass der Kapitalismus sich als unerwartet dauerhaft erwiesen habe. Die SPD müsse ihre revolutionären Ziele daher aufgeben und sich ganz auf Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter konzentrieren: "Das Ziel ist mir nichts, die Bewegung ist alles."

Rosa Luxemburgs Broschüre "Sozialreform oder Revolution" fasste ihre Antwort darauf zusammen:

  • Hätte Bernstein Recht, wäre die Sozialdemokratie überflüssig. Auf die automatische gerechte Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums zu warten sei jedoch Utopie und verurteile die SPD wie Don Quichotte zum Scheitern.
  • Kartelle, Trusts, Aktiengesellschaften bewiesen nicht die allmähliche Selbstkontrolle und Demokratisierung des Kapitals, sondern seien Teil seines Konzentrationsprozesses.
  • Da die Produktivität ständig wachse, während der Weltmarkt natürliche Grenzen habe, seien Krisen unausweichlich. Deren zeitweises Ausbleiben - das deutsche Reich erlebte damals bis 1910 eine längere Hochkonjunktur - widerlege Marx daher nicht.
  • Gewerkschaften könnten nur im Rahmen des Lohngesetzes ein möglichst großes Stück vom "Kuchen" des Unternehmerprofits abzuschneiden versuchen, aber so die Ausbeutung nie überwinden.
  • Die Sozialdemokratie sei in der bürgerlichen Gesellschaft nur geduldet, solange sie stillhalte. Erst im Zusammenbruch des kapitalistischen Systems werde man sie an der Macht beteiligen.
  • Deshalb sei und bleibe die Revolution unbedingt notwendig. Die SPD müsse die Führung im Aufbau des nötigen Klassenbewusstseins übernehmen und die Selbsttätigkeit der Arbeiter fördern, nicht blockieren.

Diese zum Teil prophetischen Sätze kränkten damals viele Partei- und Gewerkschaftsfunktionäre, die sich Anerkennung durch Anpassung im Kaiserreich und Stimmengewinne durch Verzicht auf Revolution erhofften. Rosa Luxemburg stellte die Umwälzung der Produktionsverhältnisse damit nicht gegen den Alltagskampf für bessere Lebensbedingungen, sondern vertrat ein Ineinandergreifen von Reform und Revolution im proletarischen Selbstbefreiungskampf. Reformen sollten auch das politische Bewusstsein der Arbeiter bilden und die Vereinnahmung der SPD zum Klassenerhalt des Bürgertums verhindern.

Kritische Solidarität mit der Oktoberrevolution

Nach dem Sturz des Zaren im März 1917 schrieb Rosa Luxemburg den Artikel Die Revolution in Russland (GW 4). Darin hob sie die treibende Kraft des russischen Proletariats bei den Ereignissen hervor. Seine Machtentfaltung habe zunächst die liberale Bourgeoisie an die Spitze der revolutionären Bewegung gestoßen. Seine Aufgabe sei nun, den imperialistischen Krieg zu beenden. Dazu müsse es die eigene Bourgeoisie bekämpfen, die den Krieg unbedingt brauche und fortsetzen wolle. Dieser habe Russland reif für die sozialistische Revolution gemacht. Damit sah sie voraus, dass nur eine weitere Revolution im Russischen Reich den Krieg beenden würde.

Denn die Menschewiki wollten wie deutsche und französische Sozialdemokraten weiter Vorteile für ihr Land erobern. Aber weil das städtische Industrieproletariat in Russland viel weniger ausgeprägt war als das rückständige ländliche Kleinbauertum, hielt Rosa Luxemburg wie Lenin eine analoge deutsche Revolution für unabdingbar, um mit dem Kriegsende zugleich die Voraussetzungen für den Sozialismus in beiden Ländern zu schaffen. Dazu wollte sie die gesamteuropäische Arbeiterbewegung nach Kräften praktisch zusammenführen.

Um den Separatfrieden durchzusetzen, löste Lenin das russische Parlament - die Duma - zunächst auf. Er hielt freie Diskussion und Meinungsvielfalt ohnehin für „bürgerliche“ Relikte, die die „Diktatur des Proletariats“ (sprich: die Alleinherrschaft seiner Partei) überwinden sollte. Rosa Luxemburg bejahte seinen Umsturzversuch, erkannte aber, dass er nicht nur andere Parteien, sondern auch Demokratie in der eigenen Partei zu unterdrücken begann. Dies bedrohte die unbedingt nötige Mitwirkung und Führung der Arbeiter beim Aufbau des Sozialismus. Darum kritisierte sie kurz nach der Oktoberrevolution die Tendenz der Bolschewiki zur Diktatur mit den berühmten Sätzen:

"Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit des Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der 'Gerechtigkeit', sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die 'Freiheit' zum Privilegium wird."

Doch stellte sie diese Gefahr in den historischen Kontext und erklärte sie aus dem "völlige(n) Versagen des internationalen Proletariats" – vor allem der SPD – gegenüber dem imperialistischen Krieg (Fragment über Krieg, nationale Frage und Revolution, GW 4, S. 334). Trotz aller nötigen und berechtigten Kritik bleibe es Lenins Verdienst, die Revolution gewagt zu haben. Damit habe er den welthistorischen Gegensatz zwischen Arbeit und Kapital international aufgerissen und bewusst gemacht (ebd., S. 366). Nunmehr werde es zur "geschichtlichen Verantwortung" der deutschen Arbeiter, ebenfalls aufzustehen, um den Krieg zu beenden (ebd., S. 374). Darum begrüßte sie die deutschen Januarstreiks für Frieden enthusiastisch und versuchte den Deutschen deren latentes historisches Ziel, den internationalen Sozialismus, aus dem Gefängnis heraus bewusst zu machen.

Als die deutsche Novemberrevolution den Kaiser entmachtet hatte, agitierte sie sofort wieder für die proletarische Revolution:

"Die Abschaffung der Kapitalsherrschaft, die Verwirklichung der sozialistischen Gesellschaftsordnung – dies und nichts Geringeres ist das geschichtliche Thema der gegenwärtigen Revolution. Ein gewaltiges Werk, das nicht im Handumdrehen durch ein paar Dekrete von oben herab vollbracht, das nur durch die eigene bewusste Aktion der Masse der Arbeitenden in Stadt und Land ins Leben gerufen, das nur durch höchste geistige Reife und unerschöpflichen Idealismus der Volksmassen durch alle Stürme glücklich in den Hafen gebracht werden kann." (Der Anfang, GW 4, S. 397)

Nach der Entmachtung des "Vollzugsrats" durch Ebert forderte sie die Arbeiter- und Soldatenräte am 10. Dezember 1918 zur Machtübernahme auf. Die Räterepublik sei das natürliche Programm der Revolution. Doch vom Soldaten – dem "Gendarmen der Reaktion" – zum revolutionären Proletarier sei noch ein weiter Weg. Das Militär, das bisher dem „Vaterland“ diente, müsse erst noch lernen, seine Macht dem Gemeinwohl unterzuordnen, und dazu der politischen Kontrolle der Arbeiterräte unterstellt werden.

Eberts Geheimpakt mit Reichswehrgeneral Groener verhinderte dies in den Weihnachtsunruhen. Daraufhin gründeten die radikalen linken Gruppen die KPD. Rosa Luxemburg warb erfolglos für deren Teilnahme an den Wahlen zum Weimarer Reichstag, um auch dort auf Fortsetzung der Revolution hinzuwirken. Denn "Demokratie" und "Sozialismus" waren für sie letztlich dasselbe:

"Das Proletariat..., wenn es die Macht (parlamentarisch!) ergreift, ...soll und muß eben sofort sozialistische Maßnahmen in energischster, unnachgiebigster, rücksichtslosester Weise in Angriff nehmen, also Diktatur ausüben; aber Diktatur der KLASSE, nicht einer Partei oder Clique, Diktatur der Klasse, d.h. in breitester Öffentlichkeit, unter tätigster ungehemmter Teilnahme der Volksmassen, in unbeschränkter Demokratie."

Die Dialektik des Klassenkampfes und die Aufgabe der Arbeiterparteien

Rosas Luxemburg verstand Geschichte mit Marx als dauernden Klassenkampf. Darin ist eine Tendenz zur Erkenntnis der Ausbeutungsursachen und damit zur revolutionären Umwälzung der Verhältnisse angelegt.

"Die moderne proletarische Klasse führt ihren Kampf nicht nach irgendeinem fertigen, in einem Buch, in einer Theorie niedergelegten Schema; der moderne Arbeiterkampf ist ein Stück in der Geschichte, ein Stück der Sozialentwicklung, und mitten in der Geschichte, mitten in der Entwicklung, mitten im Kampf lernen wir, wie wir kämpfen müssen."(GW 2, S. 465)

In diesem revolutionären Lernprozess treiben Spontaneität und Organisation der Arbeiterklasse sich gegenseitig vorwärts. Beide sind für Rosa Luxemburg untrennbare „Momente“ desselben Prozesses, die einander bedingen. Denn ungeplante Aktionen – z.B. wilde Streiks gegen Lohnkürzungen – reagieren auf aktuelle Herausforderungen. In diesem elementaren Kampf erkennen die Arbeiter allmählich die historischen Aufgaben und Ziele ihrer Klasse. Diese Einsicht hebt ihren Kampf wiederum auf eine höhere Stufe und führt zur Bildung von Organisationen, z.B. Gewerkschaften. Diese orientieren und bündeln ihr Handeln auf langfristig geplante Ziele hin, z.B. Tarifverträge. Die darin enthaltene Tendenz zur Überwindung der Ausbeutung bewusst zu machen und zu fördern, ist Aufgabe der Arbeiterpartei. Sie kann sich dabei nicht von der Eigenaktivität der Arbeiter abkoppeln:

"Die Arbeiterklasse in allen Ländern lernt erst im Verlaufe ihres Kampfes kämpfen...Die Sozialdemokratie..., die nur die Vorhut des Proletariats ist, ein Teil der ganzen arbeitenden Masse, das Blut aus ihrem Blut und Fleisch von ihrem Fleische, diese Sozialdemokratie sucht und findet die Wege und besonderen Losungen des Arbeiterkampfes lediglich im Maße der Entwicklung dieses Kampfes, wobei sie aus diesem Kampf allein die Hinweise für den weiteren Weg schöpft." (In revolutionärer Stunde: Was weiter?, GW 1.2, S. 554)

Rosa Luxemburg wusste also: Ohne Organisation hätten spontane Streiks nur vorübergehend Erfolg, aber keine dauerhafte, die Gesellschaft insgesamt verändernde Kraft und Wirkung. Ohne Eigenaktivität der Arbeiter würden deren Organisationen ihre Stoßrichtung, das politische Ziel des Sozialismus, ebenfalls bald wieder verlieren. Anders als Engels, Kautzky und Lenin sah sie die Arbeiterpartei nicht als reine Wahlpartei noch elitäre Kaderpartei, die aus der "wissenschaftlichen" Einsicht in den Geschichtsverlauf folgt:

"Die Sozialdemokratie ist nichts anderes als die Verkörperung des Klassenkampfes des modernen Proletariats, der vom Bewusstsein über seine historischen Konsequenzen getragen wird. Ihr eigentlicher Führer ist in Wirklichkeit die Masse selbst... Je mehr sich die Sozialdemokratie entwickelt, wächst, erstarkt, um so mehr nimmt die aufgeklärte Arbeitermasse mit jedem Tage ihre Schicksale, die Leitung ihrer Gesamtbewegung, die Bestimmung ihrer Richtlinien in die eigene Hand. Und wie die Sozialdemokratie im ganzen nur die bewusste Vorhut der proletarischen Klassenbewegung ist, die nach den Worten des Kommunistischen Manifestes in jedem Einzelmoment des Kampfes die dauernden Interessen der Befreiung und jedem partiellen Gruppeninteresse der Arbeiterschaft gegenüber die Interessen der Gesamtbewegung vertritt, so sind innerhalb der Sozialdemokratie ihre Führer um so mächtiger, um so einflussreicher, je klarer und bewusster sie sich selbst nur zum Sprachrohr des Willens und Strebens der aufgeklärten Massen, nur zu Trägern der objektiven Gesetze der Klassenbewegung machen." (Der politische Führer der deutschen Arbeiterklasse, GW 2, S. 280).

Die Partei soll das Proletariat also nicht "vertreten" oder "führen", sondern nur seine „Vorhut“ sein. Sie ist unmöglich von dessen teils spontaner, teils organisierter Eigenbewegung zu trennen, sondern geht aus ihr hervor und drückt sie bewusst aus. Sie hat den Arbeitern nur die Einsicht in die Notwendigkeit des Sozialismus voraus, aber nicht die Mittel, diesen ohne sie zu realisieren. Sie kann die Revolution nicht planen und erzwingen, wenn die Arbeiter nicht selbst dazu bereit, fähig und reif sind. Ihre Aufgabe ist es also, das Bewusstsein der Arbeiter über ihre historische Mission zu schulen, bis sie selbstständig fähig sind, die Produktionsverhältnisse umzuwälzen.

Rosa Luxemburgs marxistische Klassenkampftheorie entstand ihrerseits in Folge realer Prozesse: Um 1900 brachen in Europa, besonders in Russland und Polen immer mehr und größere Massenstreiks aus. Sie führten zur russischen Revolution von 1905, in deren Verlauf der Zar dem Volk demokratische Rechte wie die Gründung eigener Parteien zugestehen musste. Diese wiederum bereiteten die nächste Revolution vor, die 1917 den Zaren stürzte. Rosa Luxemburg versuchte, diese Kampferfahrungen für die deutschen Arbeiter fruchtbar zu machen. Darum verlangte sie seit 1905 von der SPD die entschlossene Vorbereitung des politischen Generalstreiks. Mit dieser Verkoppelung von politischer Parteiorganisation und betrieblicher Arbeiterbildung wollte sie zweierlei abwehren:

  • eine Alltagsarbeit der Arbeiterparteien und Gewerkschaften, die das Ziel der internationalen sozialistischen Revolution verliert und aufgibt („Opportunismus“, "Revisionismus", „Reformismus“);
  • Organisationsformen, die abheben, nicht mehr die wahren Arbeiterinteressen vertreten und diktatorisch erstarren („Zentralismus“, „Bürokratismus“).

Die SED warf Rosa Luxemburg stets 'Spontaneismus' vor, der angeblich zum Scheitern der Novemberrevolution beitrug. Doch die Selbstorganisation der Räte sollte die Arbeiterparteien stärken, damit sie das Gesamtinteresse des Proletariats immer wirksamer durchsetzen können. Verlieren sie - wie die SPD und später die Bolschewiki - den Kontakt zu ihrer Basis, mussten sie nach Luxemburgs Ansicht zwangsläufig scheitern.

Doch die inneren Widersprüche des Kapitalismus, der Gegensatz von Kapital und Arbeit, werden immer wieder die proletarische Revolution auf die politische Tagesordnung setzen. Diese selbst, nicht die Partei, wird die Massen zu Revolutionären schulen: Nur im Vertrauen darauf können die Arbeiterparteien ihre kurz- und langfristigen Ziele bestimmen und erreichen.

"Die Geschichte ist die einzige wahre Lehrmeisterin, die Revolution ist die beste Schule des Proletariats. Sie werden dafür sorgen, dass die 'kleine Schar' der Meistverleumdeten und -verfolgten Schritt um Schritt zu dem wird, wozu ihre Weltanschauung sie bestimmt: zur kämpfenden und siegenden Masse des revolutionären sozialistischen Proletariats." (GW 4, S. 478).

Die Bekämpfung der falschen Interessenvertretung

Eine Partei, die die Arbeiter in Parlamenten oder einem „Politbüro“ „vertritt“ und bevormundet, wird - das erfuhr Rosa Luxemburg am eigenen Leib - zwangsläufig nicht mehr für, sondern gegen sie handeln. Sie wird dann selbst Werkzeug derer, die die Revolution verhindern und ihre Erfolge zurückdrehen wollen. Dann müssen die Arbeiter auch eine so genannte „Arbeiterpartei“ bekämpfen.

So schrieb Rosa Luxemburg in der "Roten Fahne" vom 21. Dezember 1918: "In allen früheren Revolutionen traten die Kämpfer mit offenem Visier in die Schranken... In der heutigen Revolution treten die Schutzgruppen der alten Ordnung nicht unter eigenen Schildern und Wappen der herrschenden Klassen, sondern unter der Fahne einer sozialdemokratischen Partei in die Schranken. Würde die Kardinalfrage der Revolution offen und ehrlich: Kapitalismus oder Sozialismus lauten, ein Zweifel, ein Schwanken wäre in der großen Masse des Proletariats heute unmöglich."

Guy Debord kommentierte dies in "Die Gesellschaft des Spektakels" wie folgt:

"Wenige Tage vor ihrer Zerstörung entdeckte die radikale Strömung des deutschen Proletariats so das Geheimnis der neuen Bedingungen, die der gesamte vorherige Prozess geschaffen (und zu dem die Repräsentation der Arbeiter erheblich beigetragen) hatte: die spektakuläre Organisation der Verteidigung der bestehenden Ordnung, das gesellschaftliche Reich des Scheins, wo keine »Kardinalfrage« mehr »offen und ehrlich« gestellt werden kann. Die Repräsentation des Proletariats (die SPD-Führung) war in diesem Stadium zugleich der Hauptfaktor und das zentrale Ergebnis der allgemeinen Verfälschung der Gesellschaft geworden."

Darum müssen die Arbeiter den direkten Klassenkampf in der bürgerlichen Demokratie unbedingt fortsetzen: je nach den Umständen in Parlamenten, aber auch gegen sie oder beides zugleich. Tatsächlich verhinderte 1920 nur ein Generalstreik noch einmal eine rechte Militärdiktatur: Doch dann war die Arbeiterbewegung in zwei verfeindete Lager gespalten, die sich gegenseitig verteufelten und mehr als den gemeinsamen Gegner bekämpften. So konnte die Rechte in Gestalt Paul von Hindenburgs und Adolf Hitlers zuletzt die Demokratie abschaffen.

Der Glaube an die proletarische Revolution

Am Vorabend ihrer Ermordung schrieb Rosa Luxemburg:

"Die Führung hat versagt. Aber die Führung kann und muss von den Massen und aus den Massen heraus neu geschaffen werden. Die Massen sind das Entscheidende, sie sind der Fels, auf dem der Endsieg der Revolution errichtet wird. Die Massen waren auf der Höhe, sie haben diese 'Niederlage' zu einem Glied jener historischen Niederlagen gestaltet, die der Stolz und die Kraft des internationalen Sozialismus sind. Und darum wird aus dieser 'Niederlage' der künftige Sieg erblühen. – 'Ordnung herrscht in Berlin!' Ihr stumpfen Schergen! Eure 'Ordnung' ist auf Sand gebaut. Die Revolution wird sich morgen schon 'rasselnd wieder in die Höhe richten' und zu eurem Schrecken mit Posaunenklang verkünden: Ich war, ich bin, ich werde sein!" (GW 4, S. 536)

Ihre Kritik betraf nicht nur Friedrich Ebert, sondern auch Hugo Haase (USPD) und Karl Liebknecht (KPD), deren Besetzungsaktion im Januar 1919 miserabel geplant war. Eine riesige Menge wartender Demonstranten war damals bereit, die anrückenden Soldaten zu blockieren und zu entwaffnen, wurde aber von den Besetzern nicht einbezogen.

Rosa Luxemburgs Schluss-Satz entstammt der Bibel: Er umschreibt den Namen Gottes. Dieser wurde in der Befreiungsgeschichte des jüdischen Volkes offenbar: „Ich bin der `Ich bin´!“ oder, futurisch übersetzt, „Ich werde sein, der ich sein werde!“ Die Posaune erschallt als Fanfare des „jüngsten Gerichts“, das in historischen Befreiungskämpfen vorscheint: Dann wird endgültig abgerechnet, werden alle Gewaltherrscher entmachtet, alle Kriegsmittel abgerüstet, Armeen aufgelöst, ungerechte Besitzverhältnisse umgewälzt, weltweit ewige Gerechtigkeit geschaffen.

Diese Glauben an das „Reich Gottes“ beerbte der Marxismus, indem er eine endgültige Befreiung aller Menschen von ungerechten Verhältnissen als historische Tendenz aller Klassenkämpfe innergeschichtlich zu realisieren versucht. Aber Rosa Luxemburg glaubte nicht an einen Determinismus der internationalen Revolution im Gefolge der Verelendung und des Zusammenbruchs des Kapital-Herrschaft durch den Krieg. Scheitert der Sozialismus, dann – das sah sehr klar voraus – droht der Menschheit ein Rückfall in unvorstellbare Barbarei. Das Bewusstsein dieses Entweder-Oder ist eine entscheidende Triebfeder zum Handeln: Nichts kommt „von allein“!

Dabei sind Rückschläge und Niederlagen des arbeitenden Volkes für dessen Lernprozess besonders wichtig: Gerade sie können das historische Bewusstsein für die unvermeidbare Notwendigkeit der Revolution schärfen. Nicht erst der „Endsieg“, sondern schon der immer neue Versuch, ihn herbeizuführen, ist daher der „Stolz“ der Arbeiterbewegung.

Rosa Luxemburg vertraute der ständigen Lernfähigkeit arbeitender Menschen, ihrer unzerstörbaren Fähigkeit, ihre Geschichte selbst zu bestimmen und zu einem Ziel zu führen, das alle, nicht nur eine Minderheit, vom Joch der Klassenherrschaft befreit. Dieses Vertrauen schöpfte sie aus den realen historischen Anläufen und sozialen Bewegungen zu einer gerechten Weltgesellschaft.

Wirkung und Rezeption

Rosa Luxemburg gewann ihre proletarische Überzeugung in der Zeit der Massenstreiks in Polen und Russland seit 1900. Der länderübergreifende Generalstreik sollte den Weltkrieg im Rahmen der 2. Internationale praktisch verhindern. Als dies ausblieb, war sie mit Lenin einig, dass die durch den Krieg zugespitze Krise zur Revolution führen und genutzt werden müsse. Die neuen Massenstreiks im Kriegsverlauf bestätigten ihr Vertrauen auf die Spontanität der Arbeiterklasse, die aus ihren Niederlagen lernt: Aus den Enttäuschungen mit der SPD-Führung entstanden neue, ungeahnte Formen der Selbstorganisation besonders bei den Arbeitern der deutschen Rüstungsindustrie.

Ihnen fehlte jedoch eine parteipolitisch wirksame Organisation. Die Spartakisten versuchten USPD und Rätebewegung unter dem Druck der Illegalität rechtzeitig auf gemeinsames revolutionäres Handeln hin zu orientieren. Doch in der Novemberrevolution wirkten Spontaneität und Organisation nicht aufeinander abgestimmt, so dass die Gegenrevolution siegte.

Die Morde an den beiden Spartakusführern gehören zu den wohl folgenreichsten politischen Morden des 20. Jahrhunderts. Denn mit ihnen begann die unversöhnliche Feindschaft zwischen SPD und KPD in der Weimarer Zeit, die Adolf Hitlers Aufstieg begünstigte. Das Scheitern der deutschen Revolution wirkte auch auf die sowjetische Entwicklung zurück: Lenin, der die russische Oktoberrevolution im festen Vertrauen auf den Erfolg der deutschen Sozialisten gewagt hatte, nahm infolge des Bürgerkriegs nach dem Kronstädter Aufstand die Rätedemokratie auf Betriebsebene 1921 wieder zurück und verordnete die "Neue Ökonomische Politik", um seine Macht zu stabilisieren. Damit ebnete er seinem Nachfolger Stalin den Weg zur Alleinregierung. Unter diesem pervertierte der Marxismus zu einer totalitären Herrschaftsideologie und Absicherung der Ein-Parteien-Diktatur mit bürokratisch-feudalistischen Zügen, Geheimpolizei-Terror, Arbeitslagern und Deportationen, Nationalismus, Militarismus, brutaler Industrialisierung und einem faschistoiden Personenkult. So zerstörten Hitler und Stalin nachhaltig die Hoffnung auf einen humanen Sozialismus, der demokratische Reformen und revolutionäre Umgestaltung der Produktionsverhältnisse verbindet.

Anfangs verehrte die junge Sowjetunion Rosa Luxemburg als eins ihrer besten Vorbilder und Verbündeten. Da ihre Imperialismus-Theorie jedoch von der Lenins abwich, sie seine Strategie bereits unmittelbar nach der Oktoberrevolution angegriffen hatte und die deutschen Reformisten dies stets als antikommunistische Munition benutzten, wurde sie bald auch dort ideologisch und politisch herabgesetzt. Stalin schrieb ihr 1931 die Erfindung der Theorie von der "permanenten Revolution" zu und unterstellte ihr damit nachträglich eine verschwörerische Feindseligkeit gegen Lenins Revolutionsversuch. Trotzki nahm sie dagegen 1932 in Schutz. Fortan wurden ihre Positionen im Staatskommunismus stets als "Luxemburgismus" denunziert.

Rosa Luxemburg hatte immer die Einheit und Selbsttätigkeit der Arbeiterklasse und die Abhängigkeit der Arbeiterorganisationen von dieser Basis betont, um deren Verselbstständigung zu verhindern. Doch seit 1923 verteufelten sich Sozialdemokraten und Kommunisten zunehmend gegenseitig mit Totalitarismus- bzw. Sozialfaschismus-Thesen. Wegen der engen Bindung der KPD an die Kommunistische Internationale unter Führung Stalins wies die SPD ihre späten Angebote an eine gemeinsame "Volksfront" gegen die Harzburger Front der erstarkenden Rechtsparteien 1931 zurück.

In der DDR wurde aus diesem Versagen nach sowjetischem Muster die Zwangsvereinigung von Ost-SPD und KPD zur SED abgeleitet. Die demokratische Herrschaft der Arbeiterklasse über Wirtschaft, Gesellschaft und Staat wurde dekretiert und nicht realisiert. Dies machte der 17. Juni 1953 offenkundig. Rosa Luxemburgs Gesamtwerk wurde in der DDR erst seit 1970 veröffentlicht. Schriften, die ihre Kritik an Lenin, ihre radikaldemokratische, staatskritische und tendenziell pazifistische Haltung zeigten, wurden dabei stets als "Irrtümer" zensiert.

In einigen blockfreien Staaten wie dem früheren Jugoslawien unter Tito war der Todestag Rosa Luxemburgs ein gesetzlicher Feiertag. In den Demokratisierungsbewegungen und Reformanläufen im Ostblock spielte sie oft eine Rolle als Vorbild, auf das man sich gegen die eigenen Chefideologen berufen konnte. Je mehr die Opposition aber einen Systemwechsel anstrebte, desto mehr wurden der Marxismus insgesamt und damit auch Luxemburgs politische Ideen und Ziele abgelehnt.

Andererseits fand ihr Denken besonders in der "Neuen Linken" der 60-ger Jahre viele begeisterte Anhänger. Rudi Dutschke übernahm ihr Verständnis von Sozialismus als lebendiger, antiautoritärer, radikaler, von allen arbeitenden Menschen getragenen Demokratie ebenso wie viele linke Intellektuelle in Frankreich. Aber auch Revolutionäre in Ländern der sogenannten "3. Welt" bezogen sich auf ihren Marxismus, der nicht moskauhörig sein und ihren Völkern eine Perspektive jenseits von Kapitalismus und Stalinismus eröffnen sollte.

Die SPD hat ihr Verhältnis zu Rosa Luxemburg bis heute nicht wirklich geklärt und Eberts Verhalten während der Novemberrevolution trotz scharfer Kritik auch aus den eigenen Reihen nie grundsätzlich verurteilt. Mit dem Parteitag von Bad Godesberg schloss sie 1959 die Reste des Marxismus, die nach 1945 erneut plausibel erschienen, aus ihrem Parteiprogramm aus. Unter Willy Brandt und Erhard Eppler wurde zwar teilweise ein "demokratischer Sozialismus" propagiert, der jedoch längst keine Sozialisierung von Produktionsmitteln mehr anstrebte.

Nur die Jungsozialisten haben bis weit in die 70-ger Jahre hinein marxistische Theoreme hochgehalten und sich dabei häufig auch auf Rosa Luxemburg berufen. Parteilinke wie Peter von Oertzen haben die Rätebewegung der Novemberrevolution gründlich erforscht und kamen zu dem Ergebnis, dass diese Demokratisierung der Großbetriebe eine ungelenkte, aus der krisenhaften Zuspitzung der Verhältnisse geborene spontane Entwicklung war, die Luxemburgs Thesen von der "Spontaneität" der Arbeiterklasse eindrucksvoll belegt habe.

Auffällig ist das erneute Interesse an Rosa Luxemburg in der Volksrepublik China. Im November 2004 fand in Kanton (China) ein Kongress zu ihr statt.

Die PDS hat seit der deutschen Einheit 1990 einen Lernprozess hinter sich und versucht, sich von ihren SED-Wurzeln zu lösen. Große Teile ihrer Wählerbasis sind jedoch weiterhin einer rückwärtsgewandten Idealisierung der DDR verhaftet. Der Todestag Rosa Luxemburgs und Karl Liebknechts ist ein jährlich wiederkehrendes Demonstrationsdatum in Berlin geworden.

Die Frauen-, die antimilitaristische Friedensbewegung und die Globalisierungskritiker finden in Rosa Luxemburg eine bedeutende Vorkämpferin. Dabei werden oft Einzelideen aus dem Gesamtkontext ihres Denkens und Handelns herausgelöst. Ihre Vision eines klassenbewussten Internationalismus, der der Selbstvernichtung der Völker im Zwang der Kapitalverwertung wirksam widersteht, ist unverändert aktuell und unerfüllt.

Literatur

Biographien

  • Paul Frölich: Rosa Luxemburg - Gedanke und Tat. Europäische Verlagsanstalt, Hannover 1991 ISBN 343445036X (Erstausgabe: Oetinger Verlag 1949)
  • Peter Nettl, Rosa Luxemburg, Frankfurt am Main, Wien, Zürich 1968
  • Frederik Hetmann, Rosa L. - Die Geschichte der Rosa Luxemburg und ihrer Zeit, Fischer TB Verlag 2132, Frankfurt am Main 1979 - ISBN 3596221323
  • Max Gallo: Rosa Luxemburg. Eine Biographie. Benziger Verlag, Zürich 1993 - ISBN 3545341143
  • Helmut Hirsch: Rosa Luxemburg in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Rowohlt Bildmonographien 158, Reinbek bei Hamburg 1969 - ISBN 3499501589
  • Donald E. Shepardson: Rosa Luxemburg and the Noble Dream, Peter Lang Publications Incorporated, New York 1996 - ISBN 082042739X
  • Harry Wilde: Rosa Luxemburg. Ich war, ich bin, ich werde sein. Heyne TB, München 1986 - ISBN 3453551443

Werke

  • R.L.: Gesammelte Werke, 5 Bände, Dietz Verlag, Berlin 1970–1975.
  • R.L.: Gesammelte Briefe, 6 Bände, Berlin 1982–1997.
  • R.L.: Politische Schriften. Herausgegeben und eingeleitet von Ossip K. Flechtheim. 3 Bände, Frankfurt am Main 1966 ff.
  • R.L.: Schriften zur Theorie der Spontaneität. Rowohlt Klassiker 249, Reinbek bei Hamburg 1970 - ISBN 3499452499
  • Ossip K. Flechtheim: Rosa Luxemburg zur Einführung. Junius Verlag, Hamburg 1985 - ISBN 3885068184
  • Frederik Hetmann (Herausgeber): Rosa Luxemburg. Ein Leben für die Freiheit - Reden, Schriften, Briefe. Fischer TB Verlag 3711
  • Charlotte Beradt (Herausgeber): Rosa Luxemburg im Gefängnis. Briefe und Dokumente aus den Jahren 1915-1918. Fischer TB Verlag 5659, Frankfurt am Main 1973 - ISBN 3596256593

Zeitgeschichte

  • Annelies Laschitza/ Günter Radczun, Rosa Luxemburg. Ihr Wirken in der deutschen Arbeiterbewegung. Dietz-Verlag, Bonn 1971 - ISBN B0000BS92X
  • Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal – Die Ermordung der Rosa L., Verlag 1900, Berlin 2002 – ISBN 3930278022
  • Heinrich Hannover, Elisabeth Hannover-Drück: Der Mord an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Dokumentation eines politischen Verbrechens. Lamuv Verlag, Göttingen 1989 - ISBN 3889771866
  • Sebastian Haffner: Der Verrat. Verlag 1900, Berlin 2002 - ISBN 3930278006
  • Wolfgang Abendroth: Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung. Band 1. Distel Verlag, Heilbronn 1985 - ISBN 3923208197
  • Peter von Oertzen: Betriebsräte in der Novemberrevolution. Dietz Verlag, Bonn 1976, ISBN 3801210936

Film

1986 verfilmte Margarethe von Trotta mit Barbara Sukowa als Rosa Luxemburg das Leben der deutschen Revolutionärin. Der Film gewann den Bundesfilmpreis und Barbara Sukowa erhielt die Goldene Palme für ihre Darstellung auf dem Filmfestival in Cannes.

Siehe auch:

Weblinks


Quelle:wikipedia


Kategorie:SozialistInnen Kategorie:KommunistInnenKategorie:staatlicher Auftragsmord