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Proudhonismus

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Der Proudhonismus bezeichnet eine Strömung sozialer und politischer Anschauungen, die auf den französischen Sozialreformer und Theoretiker Pierre Joseph Proudhon zurückgehen

Zum Ausganspunkt des Proudhonismus um 1840 : die Schrift "Was ist das Eigentum?"[edit]

Proudhon, der aus einfachen Verhältnissen stammt und selber Arbeiter gewesen war, wurde 1840 durch seine Schrift Qu'est-ce que la propriété? Ou recherches sur le principe du droit et du gouvernement(Was ist das Eigentum? Untersuchungen über den Grund von Recht und Regierung), die er den Arbeitern widmete. Er verarbeitete darin die im einzelnen vielfach schon von anderen Sozialisten ausgesprochene Kritik am Eigentumsmonopol zu einer systematischen, wenn auch mehr geistreich zugespitzen als tiefschürfenden Analyse seiner Ursachen, seiner Existenzberechtigung und seiner Zukunft. Er widersprach den herrschenden Lehrmeinungen der bürgerlichen Ökonomen und Rechtswissenschaftler und stellte anhand ihrer Thesen dar, dass die besitzenden Klassen kein Recht auf ihr Eigentum haben, sondern dass es den Produzenten gehöre. Zwar gelang ihm der Versuch nicht, das Geheimnis des Mehrwerts zu entschleiern und über die utopistische Auslegung der Ricardoschen Werttheorie hinauszugehen. Indem er jedoch den Blick auf diesen für die Weiterführung der Kritik wichtigen Punkt lenkte, wurde er laut Karl Marx epochemachend.

Proudhons Ablehnung des Kommunismus und seine Ansicht des individuellen Produzenten[edit]

Proudhon kritisierte indessen die Klassentrennung der Produzenten von den Produktionsmitteln aus der Sicht eines kleinbürgerlichen Standpunktes und suchte nach einem neuen Weg jenseits von Kapitalismus und Kommunismus, der die individuelle Produktionsweise der Kleineigentümer vor ihrem Untergang durch das Kapital rettete. Der Kommunismus schreckte ihn nicht weniger als der Kapitalismus. Er konnte sich den Kommunismus nicht anders vorstellen als in Gestalt jener kasernenmäßigen Verhältnisse, die ihm der gesellschaftliche Charakter der Arbeit in den Manufakturen zeigte. Privateigentum und Kommunismus bedeuteten für ihn einseitige Extreme, das eine des individuellen, das andere des gesellschaftlichen Prinzips, die er ganz abstrakt als die beiden Seiten der menschlichen Natur betrachtete. Um diese ins Gleichgewicht zu bringen, wollte Proudhon die Produktionsmittel der Verfügungsgewalt der Kapitalisten und Großgrundbesitzer entziehen und sie der Gesellschaft übertragen. Diese sollte sie den Produzenten als persönlichen Besitz zur Verfügung stellen, sodass ein jeder mit eigenen Produktionsmitteln arbeiten könne.

Proudhons Ausgangspunkt der Gerechtigkeit und Gleichheit in der Ökonomie[edit]

Die ideale Vermittlung von Individuum und Gesellschaft erblickte Proudhon in jener Gleichheit und Gerechtigkeit, wie sie sich im unmittelbaren Austausch der Arbeitsprodukte einfacher Warenproduzenten zu ergeben scheint. Nach seiner Vorstellung hatten alle Produzenten ihre Produkte nur nach dem einfachen Wertgesetz mit der Arbeitsstunde als Werteinheit auszutauschen, um jede Ausbeutung und Unterdrückung aufzuheben, das Recht auf Arbeit zu verwirklichen und allen Mitgliedern der Gesellschaft einen gerechten Anteil am Gesamtprodukt zu sichern, der für alle absolut gleich - nach Proudhons späteren Ansichten hingegen der Leistung entsprechend - ausfallen sollte. Theoretisch blieb Proudhon in den bestehenden Eigentumsverhältnissen noch in den Voraussetzungen der von ihm bekämpften bürgerlichen Ökonomie befangen. Aus den Widersprüchen der kapitalistischen Produktionsweise suchte er das Paradoxon abzuleiten, dass das Eigentum "unmöglich" sei, da es nicht nur von einer ursprünglichen Gleichheit ausgehen müsse, sondern auch, auf die Spitze getrieben, notwendig wieder in Gleichheit umschlage.

Zum Problem des Mehrwerts bei Proudhon und seine Einschätzung der Rolle des Geldes[edit]

So meinte Proudhon, der wie die Ökonomie seiner Zeit die produktive Konsumtion nicht von der individuellen Konsumtion unterschied, der Kapitalismus sei nicht imstande, den Mehrwert zu realisieren, weil der Arbeiter die von ihm geschaffenen Produkte nur bis zur Höhe seines Lohns zurückkaufen könne. Da Proudhon trotz seines Versuchs, den Mehrwert aus dem gesellschaftlichen Charakter der Produktion abzuleiten, nicht über die damalige Auffassung hinauskam, der Mehrwert entstünde durch den nichtäquivalenten Austausch von Waren und Leistungen, suchte er nach einem idealen Austauschverhältnis und beurteilte den Tauschwert der Waren und Leistungen, den er einfach auf den Kostenpreis reduzierte, als eine absolute Bestimmung. Damit verschob sich der Ansatzpunkt der ökonomischen Umgestaltung in die Zirkulationssphäre des Geldes, die später das Feld seiner Reformprojekte wurde.

Die einfache Warenproduktion als theoretischer Ansatz bei Proudhon[edit]

Die Auffassung von der einfachen Warenproduktion, die Proudhon 1840 lediglich im Anhang zu seiner Kritik am Eigentum begonnen hatte, erhob er 1846 in seinem Système des contradictions économiques ou Philosophie de la misère (System der ökonomischen Widersprüche oder Philosophie des Elends) zu einer selbständigen Theorie, die er nicht nur der bürgerlichen Ökonomie, sondern gleichermaßen den kommunistischen wie den anderen sozialistischen Lehren entgegenstellte. Proudhon glaubte, um die Widersprüche der kapitalistischen Produktionsweise und damit das Elend der Arbeitenden zu überwinden, brauche man nur in den bestehenden ökonomischen Verhältnissen, die er wie ewig gültige Kategorien betrachtete, nur die negativen Seiten zu entfernen. Er begriff nicht, dass sie zwangsläufig aus den positiven Entwicklungen im Kapitalismus folgen, dass also auch das kapitalistische Wertgesetz nur die logische und historische Konsequenz des einfachen Wertgesetzes ist.

Zur Polemik von Karl Marx als Replik auf Proudhon in der Schrift "Das Elend der Philosophie" von 1847[edit]

Karl Marx, der in seiner Schrift Das Elend der Philosophie als Replik auf Proudhon 1847 das abstrakt-antinomische Kategorienschema und die subjektivistische dialektische Vermittlungsmethode Proudhons Punkt für Punkt kritisierte, warf ihm den kleinbürgerlichen Utopismus seines Bestrebens vor, das einfache Wertgesetz als ökonomische Grundlage der Gesellschaft zu behandeln und nicht zu verstehen, "daß dieses egalitäre Verhältnis, dieses Verbesserungsideal, welches er in die Welt einführen will, selbst nichts ist als der Reflex der gegenwärigen Welt und daß es infolgedessen total unmöglich ist, die Gesellschaft auf der Basis rekonstituieren zu wollen, die selbst nur der verschönerte Schatten dieser Gesellschaft ist"(ebenda).

Zur praktischen Reform des unabhängigen Kleinproduzenten: der zinslose Kredit als Startbedingung[edit]

Da Proudhon die Quelle der Ausbeutung der Arbeitskraft nicht im Arbeitsprozess selbst, sondern letztlich in der Zirkulationssphäre der Waren und Leistungen vermutete, hielt er bald nur noch den Kapitalzins, eine besondere Form des Kapitalprofits, für den eigentlichen Grund und speziell das Geldkapital, vertreten durch die Finanziers und Bankiers, für die eigentliche Form der Ausbeutung - eine Auffassung, die ganz dem Gesichtskreis des vom Handels-, Wucher- und Verlagskapital erdrückten Handwerkers und Kleinhändels entsprach, jedoch das Verhältnis von Ware und Geld verkannte. Daher verfiel Proudhon, um sein Reformprogramm zu verwirklichen, auf die Idee, allein Arbeitern zinslosen Kredit für den Erwerb eigener Produktionsmittel zu verschaffen. Eine derartige Reform, meinte Proudhon, würde die kapitalistische Gesellschaft auf friedlichem Wege in eine Ordnung der Gleichheit und Gerechtigkeit umwandeln, indem sie jedem die Mittel gebe, unabhängiger Arbeitender, d.h. kleiner Warenproduzent zu werden. Unter diesen Aspekt bezog er nunmehr auch die Genossenschaftsbewegung in seine Pläne ein. 1849 stellte Proudhon den praktischen Versuch auf, eine "Volksbank" auf Kleinstaktien zu fünf Francs ins Leben zu rufen, den Arbeiterproduktionsgenossenschaften den nötigen Kredit zu gewähren und darüber hinaus dem geldlosen Austausch zum Arbeitszeitwert zu organisieren.

Zur Einschätzung der Rolle des Staates bei Proudhon[edit]

Beim Heranreifen der Revolution von 1848 entwickelte Proudhon zugleich seine Ideen von der Abschaffung des Staates. Er, der den Staat nicht als jeweiligen politischen und rechtlichen Überbau bestimmter historischer Produktionsverhältnisse erfasste, sondern ihn ebenso abstrakt betrachtete wie die ökonomischen Verhältnisse, erblickte in ihm die das Hauptinstrument der Klassenauseinandersetzungen und sozialen Unterdrückung und das Haupthindernis, das der Aufhebung des Eigentummonopols im Wege stehe. Der bisherigen historischen Entwicklung meinte er entnehmen zu können, dass die Staatsgewalt im Laufe der Menschheitsgeschichte ständig abgenommen habe und ihrem Ende entgegengehe. Die Revolution von 1848, die er nicht erwartet hatte, hielt er für den Beginn der Auflösungsphase und den Staatsstreich von Napoleon III., der ihn gleichfalls überraschte, für einen weiteren Schritt in jener Richtung. Diese Auffassungen entwickelte Proudhon besonders in seinen zeitgenössischen Studien Confessions d'un révolutionnaire (Bekenntnisse eines Revolutionärs) von 1849, und La révolution sociale demontrée par le coup d'état du 2 décembre 1851(Die soziale Revolution, erwiesen durch den Staatsstreich vom 2. Dezember 1851) von 1852.

Zur Einschätzung des politischen Kampfes bei Proudhon[edit]

Den organisierten Klassenkampf, vor allen den politischen, lehnte er als schädlich ab, da er die Fronten nur verhärte und den vermeindlichen Schrumpfungsprozess der politischen Gewalt nur hemme. Er hoffte, mit seiner ökonomischen Reform des Kredits, für die er auch die mittlere Bourgeoisie gewinnen wollte, den Staat gleichsam unterlaufen und ausschalten zu können. Trotz seiner scharfen und mutigen Kritik an den feindlichen Politik gegenüber den Arbeitern von seiten der bürgerlichen Demokraten in der Revolution von 1848/1849 und danach musste Proudhons Haltung zur Frage des politischen Kampfes die Arbeiter desorientieren. Der absoluten Unterschätzung der Politik entsprach auch das Unverständnis für die nationale Befreiungsbewegung des italienischen und polnischen Volkes.

Zum Gesellschaftsideal von Proudhon: der Anarchismus[edit]

Den Anarchismus, den Proudhon als Gesellschaftsideal propagierte und damit als politischen Terminus für die sofortige Abschaffung aller politischen Autorität und zentralen Leitung der Gesellschaft einführte, unterschied sich grundlegend von der kommunistischen Auffassung, dass in einer klassenlosen Gesellschaft die Selbstverwaltung der assoziierten Produzenten an die Stelle des Staates tritt. Proudhons Anarchismus war nur die äußerste Konsequenz des liberalistischen Ideals, wonach die Gesellschaft am besten sich entwickelt, wenn jeder ungehindert seine Interessen verfolgen kann. Wünschte schon die liberale Bourgeoisie keine Einmischung des Staates in die freie Wirtschaft, so brauchte sie ihn jedoch, um die Einhaltung der betreffenden Gesetze der Konkurrenz und die Disziplin der Arbeiter in der geltenden Rechtsordnung zu sichern, wogegen das vom bürgerlichen Staat enttäuschte Kleinbürgertum bis zur Verneinung jeder gesellschaftlichen Zwangsgewalt anging.

Zum Freiheitsideal bei Proudhon: der Mutualismus[edit]

Proudhon wandte sich nicht nur gegen die trügerischen Erwartungen, die der Sozialist Louis Blanc von einer demokratischen Republik als Organisator der sozialistischen Assoziation hegte, sondern auch das vom Arbeiterkommunismus vertretene Prinzip des demokratischen Zentralismus. Seinem Freiheitsideal entsprechend propagierte Proudhon den Mutualismus, wie er sein System ökonomischer Beziehungen in Anknüpfung an jene freiwillige Gegenseitigkeit solidarischer Pflichten nannte, die die französischen Arbeiter bei ihren ersten Abwehrkämpfen gegen die Kapitalbestrebungen eingegangen waren. Allein auf der Grundlage freiwilliger Vereinbarung der gegenseitigen Dienste ließ Proudhon überhaupt gesellschaftliche Bindungen und speziell den genossenschaftlichen Zusammenschluss der Produzenten zu. Einer straffen Assoziation hingegen, wie sie der moderne Großbetrieb erfordert, räumte er nur widerwillig ein unvermeindliches Mindestmaß ein (z.B. im Verkehrswesen). Um den offenkundigen Partikuralismus der Genossenschaften zu steuern, stimmte er schließlich in seiner Schrift Du principe fédératif(Das Förderationsprinzip) von 1863 notgedrungen einem förderalistischen Gesellschaftsaufbau zu. Ökonomische und soziale Basis der Gesellschaft blieb für ihn jedoch im Grunde die patriarchalische Familie, in der die Frau ihren Platz im Haushalt einnahm.

Zur philosophischen Basis der Grundsätze und Auffassungen bei Proudhon[edit]

Proudhon entwickelte seine mutualistischen Grundsätze besonders in seiner Schrift Solution du problème social. L'idée générale de la révolution au XIXe siècle (Lösung des sozialen Problems. Der allgemeine Revolutionsbegriff im 19. Jahrhundert) von 1851, in der er sich zugleich für ein Zusammenwirken der Arbeiter mit der mittleren Bourgeoisie einsetzte. In seinem dreibändigen antiklerikalen Werk De la justice dans la révolution et dans l'église(Die Gerechtigkeit in der Revolution und in der Kirche) von 1865, in dem er von Ludwig Feuerbachs Religionskritik beeinflusst wurde, trat er dem wachsenden religiösen Sozialismus entgegen, ebenso in seiner nachgelassenen Schrift von 1865, De la capacité politique des classes ouvrières (Die politische Befähigung der arbeitenden Klassen). In der erstgenannten Schrift gab Proudhon, der bestimmte dialektische Denkformen bei Immanuel Kant und G.W.F. Hegel nachzuahmen suchte, auch seiner Weltanschauung einen allgemeinen Ausdruck. Er erklärte den Widerspruch zum Grundgesetz des Weltalls, des Lebens und der Gesellschaft.

Zur Rolle der Dialektik des Widerspruchs in den Auffassungen bei Proudhon[edit]

Da er jedoch die ökonomischen Kategorien wie die Kantschen Antinomien behandelte und die Dialektik nur als Methode verstand, zwischen These und Antithese eine Synthese herzustellen, bedeutete ihm der Widerspruch kein echtes Entwicklungsprinzip. Der Widerspruch fungierte als Bewegungsgrund einer Wechselseitigkeit der Erscheinungen, die die Antagonismen nicht auflöst, sondern zu ihrer Vermittlung die ausgleichende Gerechtigkeit benötigt und hervorruft. Sonach beruhte Proudhons Denken auf einem idealistischen Prinzip, dass wiederum eine bloße Idealisierung bürgerlicher Lebensformen darstellte. Marx urteilte: "Proudhon schöpft erst sein Ideal der Gerechtigkeit, der justice éternelle, aus den der Warenproduktion entsprechenden Rechtsverhältnissen, wodurch, nebenbei bemerkt, auch der für alle Spießbürger so tröstliche Beweis geliefert wird, dass die Form der Warenproduktion ebenso ewig ist wie die Gerechtigkeit. Dann umgekehrt will er die wirkliche Warenproduktion und das ihr entsprechende wirkliche Recht diesem Ideal gemäß ummodeln". Die materialistsiche Geschichtsauffassung von Marx lehnte Proudhon ab.

Zu den Wirkungen des Proudhonismus im 19. Jahrhundert[edit]

Im ganzen standen Proudhons sozialreformische Ansichten dem kleinbürgerlichen Egalitarismus nahe. Seine Ansichten besaßen, nicht zuletzt auch durch die Verfolgungen, denen Proudhon ausgesetzt war, bis in die fünziger und sechziger Jahre des 19. Jahrhunderts einen starken Einfluss in der Arbeiterbewegung der romanischen Länder(Frankreich, Belgien, Spanien und Italien), besonders in der französischen Arbeiterbewegung und ihrer Sektion in der I. Internationale. Die Erfahrungen der Pariser Kommune widerlegten den Proudhonismus auch praktisch, sodass sein Einfluss stark abnahm. Wesentliche Theoreme des Proudhonismus übernahmen die verschiedenen Strömungen des Anarchismus, sowohl der Anarchosyndikalismus in der Gewerkschaftbewegung als auch der theoretische Bakunismus, den Marx verächtlich als "karikierte Form des Proudhonismus" bezeichnete. Verschiedene Thesen von Proudhon werden immer wieder im Zusammenhang von der Rolle der Staates, der Kritik der Plutokratie, der antizentralistischen Gesellschaftstruktur u.a. von verschiedenen Gruppen aufgegriffen.

Kategorie:verkürzte Kapitalismuskritik