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Antirepression

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Kreative Antirepression will Menschen zu AkteurInnen machen und die weit verbreitete Ohnmacht gegenüber staatlicher Gewalt durchbrechen. Es geht darum, Repression anzugreifen, zu demaskieren oder autoritäre Aufladung offensichtlich bis lächerlich zu machen. Ziel ist es, offensive Strategien gegen Repression aller Art zu entwickeln und Mut zu machen, sich dieser immer wieder subversiv und kreativ entgegen zu stellen und eigene Ideen zu entwickeln. Das kann z.B. bedeuten, Repression bei der Planung von Aktionen mitzudenken und – als wäre sie Teil eines Theaterstücks – vorab einzubauen.

Kreative Antirepression gehört zu Methodenspektrum der Direct Action und soll auch der Selbstermächtigung dienen, durch Wissensaneignung und Training die eigenen Handlungsmöglichkeiten zu erhöhen, um im Anwendungsfall selbstbestimmt entscheiden zu können, welche Reaktionen auf Repression erfolgen.

Repression

Kreative Antirepression stellt eine offensive Umgangsform mit Repression aller Art dar. Gemeint ist die stark sichtbare staatliche Repression (Polizei, Armee, Gerichte usw.), aber auch die disziplinierende Beherrschung durch Lehrkräfte, Eltern, Arbeitgeber usw.

Unterscheidungen

Kreative Antirepression unterscheidet sich von anderen Konzepten des Umgangs mit Repression, ohne dass dadurch zwingend Widersprüche entstehen. Vielerorts lassen sich die verschiedenen Vorgehensweisen auch verbinden.

Herkömmlicher Repressionsschutz

Repressionsschutz ist die seit Jahrzehnten übliche Form, Repression zu vermeiden. Sie umfasst alle Strategien, die zum Ziel haben, Repression ganz zu verhindern bzw. ihre Folgen abzumildern. Dazu gehören:

  • Bei illegalen Aktionen keine Spuren zu hinterlassen oder sich zu tarnen, um nicht kriminalisiert werden zu können.
  • Vor Gericht PolizeizeugInnen so auszufragen, dass ihre belastenden Aussagen als widersprüchlich und unglaubwürdig erkennbar werden.
  • Absprachen mit Gerichten zu treffen, die ein Gerichtsverfahren z.B. durch Einstellung mit Geldauflage überflüssig machen.
  • Die Unterstützung durch AnwältInnen zur besseren Verteidigung oder durch Rechtshilfefonds, um Gerichtskosten oder Geldstrafen nicht allein tragen zu müssen.

Unterscheidung: Solcher Repressionsschutz ist eine rein defensive Strategie und dient dem Schutz der verfolgten Personen. Antirepression hingegen greift Repression an. Sie will nicht nur die Wirkung von Repression abwehren, sondern deren Funktion thematisieren und demaskieren, dahinterstehende Interessen und die genutzten Methoden aufzeigen.

Kräftemessen

Innerhalb politischer Bewegung (z.B. in autonomen Aktionskonzepten oder im bewaffneten Widerstand) geht es oft auch darum, die Gegenseite militärisch zu schlagen, d.h. darauf zu hoffen, durch zahlenmäßige Überlegenheit auch mal eine Polizeikette zu durchbrechen, durch Einsatz von technischen Hilfen die Polizei besiegen zu können. In dieser Logik wird Staatlichkeit mit ihren fast unendlichen materiellen und personellen Ressourcen fast immer gewinnen. Einem solchen Vorgehen fehlt im Vergleich zu kreativer Antirepression das Mittel des Kreativen, d.h. des Ausnutzens gerade der Denkmöglichkeiten, die durch Kommandostrukturen, Uniformierung und kollektive Identitäten stark verringert werden. Gegenstand kreativer Antirepression wäre z.B. die Subversion: Wie kann Repression gegen sich selbst gewendet, ins Leere laufen gelassen oder für andere Zwecke verwendet werden? Gegenüber hierarchischen (Polizei-)Apparaten sind Frechheit, Überraschung & Wendigkeit das „Gegengift“. Beispiel: Auf das Verbot sämtlicher politischer Demonstrationen während der NATO-Sicherheitskonferenz in München (2001) reagierte eine Gruppe mit der „Demo der Sprachlosen“ – mit leeren Transparenten, leeren Flugblättern und zugeklebten Mündern wurde das Verbot auf Meinungsäußerung sehr gewitzt angegriffen.

Hilfe zur Selbsthilfe

Schließlich unterscheidet sich kreative Antirepression von einigen anderen Strategien dadurch, dass sie die Selbstermächtigung der Einzelnen zum Ziel hat. Im Sinne der Idee von Direct Action entspringt Organisierung und Kooperation dann aus der freien Vereinbarung der Menschen, die um ihre Möglichkeiten wissen - wenn auch gerade Zusammenarbeit und Voneinander-Lernen diese immer erweitern können.

Prägend im Umgang mit staatlicher Gewalt ist bislang eher die Unterwerfung unter die Normen der Repression, d.h. die Akzeptanz der Regeln von Polizeihandeln, Abläufen vor Gericht oder in Gefängnissen. So verlangen fast alle AnwältInnen] von ihren MandantInnen, ihren Vorschlägen Folge zu leisten, im Prozess ganz zu schweigen oder nur vorbereitete Texte an vorgegebenen Zeitpunkten vorzutragen. Die Akzeptanz der Regeln von Gericht werden als Voraussetzung für eine mildere Verurteilung propagiert, obwohl es keinerlei Hinweise und Untersuchungen gibt, dass diese Annahme überhaupt stimmt. Ähnlich wie AnwältInnen verlangen auch die meisten Rechtshilfegruppen zumindest im deutschsprachigen Raum, konsequent zu Schweigen (z.B. Rote Hilfe). Das wird oft sogar mit Drohungen, bei abweichendem Verhalten die Unterstützung und finanzielle Hilfe zu entziehen.

Trotz des daraus resultierenden, scheinbaren Gegensatzes ist es möglich, die genannten Formen je nach Situation zu verbinden. Beispiel: Bei Gerichtsverfahren kann eine offensive Nutzung rechtlicher Möglichkeiten eingesetzt werden, um dich formal zu verteidigen, aber auch, um politische Positionen zu beziehen und die Repression selbst anzugreifen. Insbesondere im Zusammenspiel mit einem – hoffentlich – subversiven und widerständigen Publikum können Angeklagte viel Spaß haben, ohne deshalb den Anspruch aufzugeben, entlastende Tatsachen aufzudecken usw.

Ziele

Politische Ermächtigung

Ziel kreativer Antirepression ist es ...

  • die Handlungsfähigkeit der Einzelnen zu stärken, Möglichkeiten in repressiven Situationen zu erweitern.
  • Autorität zu untergraben und Ängste abzubauen, damit Repression nicht mehr durch ihre Androhung wirken kann.
  • Repression zu nutzen zur Vermittlung politischer Inhalte, z.B. Debatten um eine Welt ohne Polizei oder Knäste anzetteln.

Veränderte Organisierungsformen

Kreative Antirepression ist auch Kritik am Ist-Zustand politischer Bewegung, in der Repression intern weitergegeben wird. Einige problematische Tendenzen:

  • Schematische Anweisungen wie „Anna und Arthur halten das Maul“ mit befehlsartiger, oberflächlicher Wirkung
  • Ãœberzeichnung der eigenen Ohnmacht bzw. der Macht der Gegenseite
  • Der Verweis auf ExpertInnen wie Ermittlungsausschüsse und AnwältInnen führt zum Verbleib in der eigenen Ohnmacht statt Stärkung der eigenen Handlungsfähigkeit bei Polizeikontakten oder Gerichtsverfahren
  • Der Verweis auf mögliche Repressionsgefahren führt in vielen Gruppen zu starker Konspirativität und Vereinheitlichung von Verhalten und Auftreten. Das aber fördert einerseits interne Hierarchien durch mangelnde Transparenz und erleichtert andererseits sogar die Ãœberwachung durch staatliche Gewalt, weil sich z.B. Staatsschutz und Verfassungsschutz auf die wenigen und gut erkennbaren Wichtigen in politischen Bewegungen konzentieren können, deren Verhalten zudem stark voraussehbar ist
  • Doppelmoral, nach der Führungspersonen in politischen Gruppen immer wieder z.B. Kooperationsgespräche mit Polizei führen und gleichzeitig Schweigebefehl an die Basisrichten

Gegenmittel zur Repression

Die Ziele von Repression liegen auf der Hand: Durch massives, gewaltsames und autoritäres Auftreten soll eine Einschüchterung erzielt werden. Angstmechanismen der Menschen werden wach gerufen. Angst vor Schmerzen, Angst vor finanziellen Konsequenzen, Eintragungen im polizeilichen Führungszeugnis oder Druck durch das soziale Umfeld. Bei jedem Menschen existieren verschiedenste - meistens durch die Umwelt und die Gesellschaft erzeugte - Ängste, die durch Einschüchterungsmaßnahmen gezielt geweckt werden sollen. Fehlverhalten wird bestraft, sanktioniert bzw. normgerechtes Verhalten gegebenenfalls gelobt. Dadurch wird via Lernprozess eine Norm gebildet, die weit über formale Regelwerke und deren Wirkung hinausgeht. Vorgesetze Regeln sollen nicht nur einfach eingehalten werden, weil Repressionsorgane existieren - sie sollen auch verinnerlicht werden.

Damit setzt Repression nicht erst dort an, wo Grenzüberschreitungen oder Regelverstöße getätigt wurden, sondern wirkt schon auf die Handlungen und die Ansichten von Menschen ein. Und das ist auch ein Ziel von Repression: Menschen kämpfen nicht mehr gegen Staatsorgane, Institutionen, Regeln und Gesetze, sondern immer stärker mit sich selbst. Der Staat braucht gar nicht mehr großartig aktiv zu werden, denn jede Überlegung wird von Normen sowie möglichen Sanktionen geleitet. Die Repression wirkt schon im Denken und erzielt große Erfolge in der Selbstbeschränkung der Menschen.

Möglichkeiten und Strategien

Kreative Antirepression kann in vielen Formen auftreten – ein paar sollen an dieser Stelle kurz angerissen werden:

  • Repression einfordern: Eine konkrete Strategie besteht darin, Repression offensiv einzufordern – gerade dann, wenn die Gegenseite sich in Einschüchterungsversuchen ergeht („Das ist verboten!“ – „Na und? Machen Sie doch eine Anzeige; dann kann ich vor Gericht noch einmal für mein Anliegen werben!“) Diese Taktik kann auch als Schutz vor Kriminalisierung wirken, weil sie die bekannten Muster durchbricht und Verwirrung stiftet. Beispiel: Neben einer umstrittenen Demonstration wandert eine eigene Gegengruppe, welche die Polizei ständig völlig überzogen auffordert, erstere aufzulösen. Das schafft einen breiteren Kommunikationskorridor für die Aktion, irritiert die Polizei und lenkt ihr Interesse möglicherweise eher auf die PöblerInnen.
  • Ãœberidentifikation: Ãœberidentifikation ist eine verwandte, ähnlich wirkende Praxis: Beim Auftauchen der Polizei kann diese z.B. sofort bejubelt oder gar angebetet werden. Solche Performances können helfen, die Autorität von Repressionsorganen zu untergraben – in der Praxis verbindet sich das für viele mit der Erfahrung, weniger oder kaum noch Angst vor dem Auftreten von PolizistInnen zu empfinden ... ein Zuwachs an Selbstsicherheit für die AkteurInnen.
  • Autorität brechen: Um die Autorität und Mackerigkeit von PolizistInnen, Gerichtsbediensteten usw. zu dekonstruieren und lächerlich zu machen kann es sinnvoll sein, immer mit Konfetti, Luftschlangen, Parfüm-Proben (um die „Opfer“ unauffällig nach Blumen duften zu lassen) oder anderen Utensilien ,bewaffnet' zu sein. Gerade z.B. bei Gerichtsverfahren mit vorhersehbarem Ablauf und gesetzter Atmosphäre können solche Utensilien für einigen Wirbel sorgen.
  • Offensive Kommunikation: Bei Zugriffen auf DemonstrantInnen oder Vernehmungen bestimmen meist die Sicherheitsbehörden das Geschehen. Offensive Kommunikation bedeutet, gar nicht erst auf Fragen oder Anordnungen zu warten, sondern selber ein unverfängliches Thema zu setzen oder Fragen zu stellen. Beliebt ist das Gegenfrage-„Spiel“, bei dem vor allem die Hierarchien von Repressionsorganen hinterfragt werden: Es fängt fast immer damit an, eine konkrete Anordnung anzuzweifeln, um von dort ausgehend den Unsinn von Befehlsstrukturen aufzudecken. Ein klassischer Einstieg ist beispielsweise, auf die Aufforderung sich auszuweisen zu fragen: „Machen sie das jetzt weil sie das müssen oder ist es ihr persönliches Interesse?“ Eine ausgefeilte Form dieser Taktik ist Mars-TV, d.h. mit Transpi-Fernsehbildschirm als Reportage-Team von einem Planeten aufzutreten, auf dem es keine Herrschaft gibt. Eine andere Variante liegt darin, sich in der Kommunikation einen Fixpunkt zu überlegen, auf den du immer zurückkommst, z.B. ständig nachzufragen, wann deine Pizza kommt - um verwertbare Aussage sicher zu vermeiden.
  • Wichtig ist immer, keine Angaben über gelaufene Aktionen oder Zusammenhänge zu machen. Hilfreich dafür sind vorherige, intensive Trainings, bei denen ihr euch gegenseitig bewusst macht, welche Sätze z.B. unfreiwillig für staatliche SchnüfflerInnen nützliche Informationen enthalten. Oder, dass Verneinungen wie „Ich war es nicht“ immer Aussagen darstellen.
  • Autoritäre Aufladung nutzen: Repression kann umgangen werden, indem du dich der bestehenden autoritären Aufladungen bedienst. Mit dem passenden Dresscode ist es schon häufiger gelungen, durch Polizeiketten zu wandern oder Zugang zu gut gesicherten Räumlichkeiten zu erhalten.
  • Sabotage: Eine Möglichkeit ist z.B. die farbliche Umgestaltung von Polizei- oder Militärfahrzeugen oder Gerichtsgebäuden, verbunden mit inhaltlicher Vermittlung. Massenhaftes Verkleben justizkritischer Etiketten ist eine weitere Form, den repressiven Alltag in Gerichten zu "kennzeichnen".

Emanzipation und Antirepression

Emanzipatorische Antirepressionsarbeit hat die Stärkung des/der Agierenden und die öffentliche Sichtbarmachung von Herrschaft und ihren Mitteln samt Utopien jenseits von Herrschaft zum Ziel. Aktionen in Repressionssituation, der Umgang auf Repression und Kontrolle oder auch die aktive Handlung an Orten der Repression soll die Kritik an Strafe, Autorität und Kontrolle vermitteln sowie für eine Welt ohne solche Unterdrückungs- und Normierungsformen werben. Daher ist die Vermittlung immer entscheidender Bestandteil von kreativer Antirepression. Nicht die Repressionsorgane selbst, sondern die BeobachterInnen bis Beteiligten an den Abläufen sind wichtig.

Für die Menschen, die kreative Antirepression nutzen, geht es zudem um die Stärkung ihrer Handlungsmöglichkeiten und ihres Rückgrats, das Abbauen von Angst und Unsicherheit. Um eigenständig zu handeln, braucht ein Mensch vor allem Wissen und Erfahrung. Die Aneignung kreativer Methoden im Umgang mit dem autoritären Staat durch Trainings und Seminare ist deshalb Grundvoraussetzung. Egal welches Gesicht uns der Staat gerade zeigt, das Üben von Verhaltensweisen und Handlungsmöglichkeiten gegenüber kontrollierender, prügelnder oder verhörender Polizei oder Staatsanwaltschaft, gegenüber Spitzeln oder AnwerberInnen des Verfassungsschutzes und im Gericht und Knast erhöht die Selbstbestimmung und dient dadurch emanzipatorischen Zielen.

Bisher haben sich im deutschsprachigen Raum nur sehr wenige Menschen und Gruppen mit kreativer Antirepression auseinandergesetzt. Dadurch gingen gingen viele Chancen verloren für öffentliche Aktionen. Denn Repression ist nicht nur eine Gefahr, sondern auch eine Chance. Wo sich Autorität und Gewalt von oben zeigt, kann sie thematisiert werden ... seien es kommunikativ, sichtbar, subversiv oder militant. Doch ob verstecktes Theater, Rollenspiel bei Festnahmen oder Aktionen gegen Überwachung - wichtig ist die inhaltliche Vermittlung von Kritik und Utopie.

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Kategorie:Recht Kategorie:Politischer Widerstand Kategorie:Soziale Bewegung