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Aktionsformen

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Direct Action ... und die kleinen Unterschiede

Über Unterscheidbares, Gemeinsamkeiten, Spaltungen und Möglichkeiten gemeinsamen Agierens bei Begriffen, die niemals klar definiert worden sind ...


Das Zeitalter der intensiven Kämpfe um die ‚richtigen’ und ‚falschen’ Aktionsstrategien ist ein bisschen vorbei. Es bleibt offen, ob das daran liegt, dass die Menschen schlauer wurden und gegenüber anderen Aktionsformen toleranter – oder ob schlicht die Bedeutungslosigkeit aktueller politischer Intervention aus marginalisierten Bewegungsteilen die Sinnlosigkeit solcher Spaltungen erkennbar macht. Schließlich ginge es im wesentlich darum, wie die Wirkungslosigkeit organisiert wird und weniger, wie sie überwunden werden kann. In fast allen Strömungen steht der Wunsch nach SpenderInnen, Mitgliedern und willigen VollstreckerInnen zentral geplanter Aktionen im Mittelpunkt. Aber dennoch gibt es die Unterschiede – sowohl in den Positionen (mehr Staat oder lieber Anarchie, manche verbinden das auch; Nazis, Vergewaltiger oder UmweltverschmutzerInnen in den Knast – oder Knäste abschaffen ...) wie in den Organisationsformen (NGO-Büros, demokratischer Zentralismus, Basisdemokratie oder offene Systeme ohne zentrale Strukturen) und in den Aktionsmethoden (Kollektivaktionen wie Demos und Kongresse oder an Guerilla angelehnte Formen; militant oder gewaltfrei; offen, clandestin oder subversiv). Inmitten des Getümmels taucht auch der Begriff ‚Direct Action’ auf – und wie mit vielen anderen Begriffen (gewaltfrei, autonom ...) ist es auch hier: Was der Begriff genau sagt, ist nicht klar. Zunächst wäre das auch kein Problem – ganz im Gegenteil: In offenen Systemen von Kommunikation, Vernetzung, Räumen und Aktionen gibt es keine Wahrheit, keine Definitionsmacht und daher auch keine Einheitlichkeit, die unabhängig davon ist, was die Menschen miteinander diskutieren. Doch ganz so offen es ist nicht – es sind bestimmte Strömungen, die sich offensiv auf die Begriffe beziehen und mit ihnen Politik machen, z.T. gegen andere Strömungen. So entstehen dann doch Spaltungen entlang von Begriffen und dahinterstehenden Ideologien, obwohl diese selbst eher schwammig sind und sich daher zu so etwas kaum eignen würden, wenn dahinter nicht auch Machtkämpfe um Ressourcen und Definitionsgewalt innerhalb politischer Bewegung bestehen würden.


Direct Action und die Unterschiede

Sehr unterschiedliche Gruppen benutzen den Begriff ‚Direct Action’. Dieser Text stammt aus der Projektwerkstatt in Saasen, wo mit dem Begriff viel gearbeitet wird, ohne ihn genau zu definieren oder auch nur definieren zu wollen. Der ‚Direct-Action-Kalender’ und viele Hefte mit Aktionstipps (siehe www.aktionsversand.de.vu) sind Ergebnisse diesen Engagement, ebenso die Internetseite www.direct-action.de.vu. Eine Definition von ‚Direct Action’ soll auch hier unterbleiben. Stattdessen sollen verschiedene Sichtweisen in Organisierungsfragen gegenübergestellt werden. Sie stammen aus verschiedenen Strömungen, die mit Begriffen wie ‚Direct Action’ oder ‚gewaltfrei Aktion’ agieren. Ziel ist nicht, die Begriffe voneinander zu treffen, sondern unterschiedliche Denkansätze zu zeigen. Das geschieht mit einem aufklärerischen Interesse. Sehr oft sind konkrete Treffen und Aktionen von nur einer Strömung dominiert. Deren Positionen werden dann unhinterfragt übernommen oder sind bereits als Rahmen vorgegeben. Dass es dazu auch andere Auffassungen und Möglichkeiten geben kann, ist oft gar nicht mehr erkennbar.


Offener Prozess oder Vorgabe?

Die Idee von ‚Direct Action’ ist sehr stark mit dem Ansatz von Organisierung von unten und Selbstorganisierung im allgemeinen verbunden. Als Strategie wird benannt, dass es um die Aneignung von Methoden geht, damit die darin geübten Personen im Falle des Falles aus einem breiten Spektrum von Ideen schöpfen können. Mehr Möglichkeiten zu haben, wird als emanzipatorischer Fortschritt gewertet. Diesem Anspruch stehen konzeptionelle Überlegungen anderer Strömungen entgegen:

  • Beispiele und Zitate aus Konzepten gewaltfreier Aktionen

Als „Kennzeichen gewaltfreien Handelns“ werden klare Vorgaben gemacht. „Es müssen objektiv nachweisbar Grundrechte der Menschen verletzt sein“.1) In diesem Satz stecken etliche Vorgaben oder scheinbar außerhalb der Selbststimmung stehende höhere Regeln: müssen, objektiv, nachweisbar. Auch im weiteren Verlauf des Textes, der eine Art Anleitung für gewaltfreies Handeln ist, dominieren Wörter wie ‚müssen’, ‚immer’, ‚werden nicht’ und „müssen sich auf diese Festlegung verlassen können’. Klassisch ist dabei einmal die festgelegte Organisierung in Bezugsgruppen mit bestimmten Rollen sowie zudem die dogmatische Festlegung auf die Gewaltfreiheit. Dogmatisch ist diese deshalb, weil weder die konkrete Situation noch die Vereinbarungen der Menschen eine Rolle spielen, sondern von Lage und Menschen unabhängig etwas zu gelten hat: „Die angewendeten Methoden müssen mit der Grundhaltung und dem Ziel übereinstimmen. Das bedeutet sowohl den Ausschluss personenverletzender Gewalt als auch den Verzicht, den Gegner abwertend oder diskriminierend zu behandeln.“ Oder (mit großgeschriebenem Begriff, also als Art Definition gemeint): „Die Gewaltfreie Aktion zeigt sich dadurch, dass Druckmittel (Kräfte) eingesetzt werden, ohne physische Gewalt anzuwenden oder anzudrohen“. Auch strukturell sind Vorgaben oft Bestandteil der Organisierung – und nicht der offene Prozess. So wird z.B. bei der Massenaktion „X-tausendmal quer“ eine sog. Strategiewerkstatt geschaffen. Der Name verschleiert etwas, was gemeint ist: Es gibt eine mehr oder weniger feste Kerngruppe, die die Aktionsstrategien ausarbeitet und vorgibt. Das ist zwar immerhin transparent, führt aber zu deutlichen Effekten. So akzeptiert ein großer Teil der Teilnehmenden die Strategie-Führungsgruppe nicht nur, sondern stellt sich darauf ein, d.h. aus AktivistInnen werden KonsumentInnen einer Aktion, die im Fast-Food-Style ohne eigene Vorbereitung und mit engem Zeitbudget eine fremdbestimmte Aktion nicht nur mitmachen, sondern das Prozedere sogar genau so einfordern.

  • Beispiele und Zitate aus autonomen Organisierungen

Eine starke Tendenz, Menschen als blöde, unselbständige Wesen zu betrachten und ihnen Verhaltensanweisungen zu geben sowie zur Orientierung auf Autoritäten zu drängen, weisen Texte der „Roten Hilfe“ auf. Dort wimmelt es von klaren Anweisungen und selbstverständlich hingeschriebenen Formulierungen wie „was ihr natürlich nicht nicht tut“.2) Selbst wenn es um bis zu 14 Tage Haft geht, ist nur ein plattes und unbegründetes Kommando zu lesen: „Zähne zusammenbeißen und keine Aussagen machen“. Nicht dass solche Position von ihrem Inhalt her abzulehnen sind (das wäre gesondert zu erörtern), sondern der Ton erinnert eher an Bundeswehrorganisierung als an ein emanzipatorisches Projekt. Hier werden Menschen im Verhalten konditioniert und nicht zu selbstbestimmter Abwägung und Entscheidung motiviert und befähigt.


Wissen und Eigenständigkeit oder Bevormundung und ExpertInnenorientierung stärken?

Es macht einen grundsätzlichen Unterschied aus, ob mensch Wissen in den vielen Menschen verteilt vermutet und einen Prozess organisiert, wo dieses ausgetauscht, erweitert und entwickelt wird – oder ob das Wissen irgendwo in abgeschlossenen Wissenssphären wie Büchern und Ideologien liegt bzw. in den Köpfen weniger, die als ExpertInnen in der Gesellschaft wie in sozialen Bewegungen in einen herausgehobenen Stand gelangen.

  • Beispiele und Zitate aus gewaltfreien Aktionen

Die starre Vorgabe verschiedener Rollen kann ExpertInnentum stark fördern, weil hier einzelne Personen für bestimmte Aufgaben auserwählt werden. Wenn nicht bewusst Rotation oder Losentscheid verwirklicht werden, besteht die Gefahr, dass sich Rollen einschleifen. Die Rotation wird nicht einmal für den SprecherInnenposten festgelegt („kann, muss aber nicht gewechselt werden“), Losentscheid wird kategorisch abgelehnt.

  • Beispiele und Zitate aus autonomen Aktionen

In den Schriften der Roten Hilfe wird extrem stark die betroffene Person als unwissend, ja fast als Totaldepp für unmündig erklärt. Retten kann nur die coole Rote Hilfe, an die mensch sich wenden soll (zwecks Verhaltensanweisungen?), oder die/der AnwältIn. Ohne diese darf sogar gar nichts gemacht werden, auch wenn dadurch eine Verurteilung droht: „Auf gar keinen Fall aber solltest Du, wenn kein/e Anwältin/Anwalt dabei ist, irgendwelche Prozessanträge o.Ä. selber stellen, auch wenn Du vom Gericht belehrt wirst, dass Du das kannst. ... Also: Keine Anträge stellen, keine ZeugInnen benennen!“


Regeln statt Vereinbarungen, Vorgabe statt Prozess

Nicht nur im Einzelfall herrscht Befehlston, Vorgabe, scheinbare höhere Erkenntnis des Notwendigen oder schlicht Sachzwanglogik, sondern erkennbar wird ein grundsätzliches Misstrauen dem offenen Prozess und der freien Vereinbarung der handelnden Menschen gegenüber. Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, durchzieht politische Bewegungen zu großen Teilen. Starke Kontrolle geht über die Suggestion eines Kollektivs mit einheitlicher Meinung aus. ‚Wir haben immer’, ‚es hat sich bewährt’ oder ‚wir haben uns geeinigt’ setzen eine Norm, die nur noch schwer hinterfragbar ist. Ohnehin wird das Wort ‚wir’ inflationär gebraucht und gibt den AutorInnen solcher Texte oder RednerInnen, die das Wort einsetzen, eine höhere Autorität – ein bisschen wie im Fall von ‚im Namen des Volkes’, wo Legitimation durch scheinbare breite Akzeptanz simuliert wird.

  • Beispiele und Zitate aus gewaltfreien Aktionen

“Die Gewaltfreie Aktion zeigt sich dadurch, dass ...“ setzt eine Norm. Wer außerhalb dieser steht, gehört nicht dazu. Ähnlich wirkt das mehrfach auftretende „es müssen ...“ oder „Gewaltfreie Aktionen besitzen ... immer“. Sätze wie „Gewaltfreie Aktionen werden nicht nur versuchsweise oder taktisch eingesetzt, sondern prinzipiell bis zum Schluss“. Eigene Entscheidungen von Menschen sind nicht erwünscht. Es gilt, hier sogar wörtlich bezeichnet, ein Prinzip. Genau verregelt sind auch die Organisierungs- und Entscheidungsprinzipien – wiederum im Sprachjargon, der die höheren Normen formuliert: „Wir wollen versuchen, Entscheidungen im Konsens zu finden“.


  • Beispiele und Zitate aus autonomen Aktionen


Einheit und Langeweile als Ziel

  • Beispiele und Zitate aus gewaltfreien Aktionen

Prägend ist das Konsens- und das Bezugsgruppenprinzip. Beide haben eine stark vereinheitlichende, praktisch aber noch darüber hinaus gehend eine auf das kollektive Ganze fokussierende Wirkung. Das sei näher erklärt. Konsensdemokratie hat zum Grundsatz, dass eine Gruppe „Entscheidungen, die für alle Teilnehmer der Bezugsgruppe tragbar sind“ anstrebt. Dafür wird in der klassischen Konsenskultur (so auch in dem hier zitierten Papier) in mehrern Konsensstufen abgestimmt. Dabei besteht latent die Gefahr zur Vereinheitlichung. Zwar ist auch möglich, Vielfalt zu organisieren: „Konsens kann also auch bedeuten, dass verschiedene Aktionen stattfinden, wenn wir uns auf eine nicht einigen können“. Allerdings steht die gesamte Ideologie des Konsens diesem Satz entgegen, so dass in der Praxis Konsens stark vereinheitlichend wirkt. „Bei Kontroversen: Gemeinsamkeiten suchen“ ist zu lesen, „keine Mehrheits- und Losentscheide“ schließt alle Formen jenseits der Einigung aller aus (Losentscheide können aber in vielen Fällen gerade Chancengleichheit sichern, während Debatten im vermachteten Plenumsprozess eher die dominanten Kräfte weiter fördern). Vorgegeben sind auch etliche Ämter in den Bezugsgruppen: SprecherIn („kann, muss aber nicht gewechselt werden“), ModeratorIn („achtet auf die Einhaltung des Themas“), ZeitnehmerIn und ProtokollantIn. Für die ganze Aktion kommen UnterstützerInnen und (!) PolizeisprecherInnen hinzu – selbst das wird ganz selbstverständlich formuliert, was auch wieder das Konsensprinzip in einen Rahmen umgebender Machtansprüche setzt. Durchaus typisch für konsensorientierte Zusammenhänge sind viele Vorgaben, die – gerade wegen des Konsensprinzips – nur äußerst schwer aufzuheben sind. Konsens ist strukturkonservativ, weil es den Status Quo schützt gegen Veränderung – umso mehr Stärke kommt den Menschen zu, die die Ausgangssituation bestimmen können durch die Vorgabe, was angeblich der bisherige Stand der Dinge oder Entscheidung ist. Die Einheit soll sogar dem politischen Gegner dienen, d.h. das Organisationsprinzip wird bewusst so gewählt, dass es z.B. für Polizeiapparate berechenbar wird: „Gewaltfreie Methoden werden nicht nur versuchsweise oder taktisch eingestzt, sondern prinzipiell bis zum Schluss“. Diese normative Setzung wird ergänzt durch den Folgesatz: „Teilnehmer an der Aktion und deren Gegner müssen sich auf diese Festlegung verlassen können“. Kreativität, prozesshafte Entwicklung von Aktionen, Subversion, Überraschungseffekte usw. sind offenbar vollständig tabu. Der intensive Vorbereitungsprozess ist erzwungen: „Gewaltfreie Aktionen versprechen den meisten Erfolg, wenn sich nicht spontan, sondern nach sorgfältiger Vorbereitung erfolgen“. Das macht einen krassen Unterschied zur Idee von „Direct Action“ auf, wo die Aneignung von Aktions-Know-How gerade auch dadurch begründet ist, dass Menschen viele Handlungsmöglichkeiten auch dort entfalten, wo spontane Reaktionen nötig sind: Im Alltag, bei diskriminierenden Übergriffen, bei ungeplanten Entwicklungen einer Aktion und bei gesellschaftlichen Ereignissen, deren Verlauf nicht vorher planbar ist.

  • Beispiele und Zitate aus autonomen Aktionen


Quellen

1) „Hilfreiches für Aktive“, Handout bei der Aktion von Gendreck-weg 28.-30.7.2006. Dieses Papier wurde vor der Aktion bzw. bei deren Beginn wie ein selbstverständliches Regelwerk verteilt. 2) Rote Hilfe e.V., „Was tun, wenn’s brennt“ (Ausgabe 2005/2006)

Kategorie:Praxis